Kinder, auch ich hab mal Urlaub. Das ist schon allein deshalb toll, weil ich dann endlich mal wieder was auf den inzwischen doch recht verwahrlosten Blog schreiben kann. Außerdem konnte ich Frank Timplers
Physics and christianity fertig lesen.
Kommt, daß gerade ich, Physiker, Kathole und Nerd das Buch lesen mußte, war doch klar. Und deshalb erzähle ich Euch von dem Buch. Ich muß dazu sagen, daß ich das Buch von meinem Vater ausgeliehen habe und dementsprechend aus dem Gedächtnis erzählen muß. Dementsprechend ist es weniger eine Rezension oder Zusammenfassung denn ein eindruck.
Letztlich versucht der Herr Tipler in diesem Buch, den christlichen Glauben nicht nur wissenschaftlich zu erklären - das gabs ja schon desöfteren - sondern zu zeigen, daß die Naturwissenschaftlichen Fakten keine andere Weltanschauung als das Christentum zulassen könnten. Er versucht einige Wunder, gewisse Phänomene des Glaubens und, sagen wir mal, seine Sicht der Kommenden Welt zu erklären.
Aber der Reihe nach.
Ein wichtiger Ausgangspunkt für Herrn Tipler ist die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik. Diesen verfechtet er mit einer unglaublichen Vehemenz (was schonmal ein Kritikpunkt am buch ist, dazu später), wie man an dem satz "The multiverse-theory is a fact. Denying it is like denying that two plus two is four."
Das ist eigentlich ziemlich schade, da der Ausgangspunkt vom wissenschaftstheoretischen Standpunkt mir gefallen hat - er legt immer wert auf experimentelle Überprüfbarkeit, aber er hier auf einmal meint, daß die Mathematik hinter der Quantenmechanik keinen anderen Schluß als die Viele-Welten-Theorie zuließe.
Auch wenn diese Interpretation der Quantenmechanik inzwischen vieles von ihrem exotischen oder gar obskuren Charakter verloren hat und einige Fragen beantwortet, sollte doch auch ein Herr Tipler einsehen, daß die Frage nach der richtigen Interpretation der Quantenmechanik nicht geklärt ist. Wieso geht er nicht auf die Bohmsche Interpretation, die Kopenhagener Deutung oder der Ensembletheorie ein?
Was mir gefiel, ist seine Darstellung der Dreifaltigkeit. Dazu hole ich mal ein wenig aus.
Nun, wenn ich mich recht erinnere, gibt es eine Theorie von Hawking, die das gesamte Universum erklären kann, aber leider unter der Annahme einer Anfangssingularität. Das ist für einen Naturwissenschaftler eine ziemlich ärgerliche Geschichte, für einen Anhänger der Materialistischen Hypothese noch mehr, denn damit hätte man einen Ursprung des Universums, der nicht mehr wirklich physikalisch zu fassen ist.
Tipler setzt diese Singularität mit Gott gleich. Auf den Einwurf, daß das doch nicht dem klassischen Bild Gottes entspreche, antwortet er ganz als Physiker, daß man dort doch zwischen verschiedenen, bei unterschiedlichen Fragen gültigen Bildern, unterscheiden muß. Das ganze erklärt er recht amüsant am Beispiel des Elektrons: Viele stellen sich das Elektron mit der Bohrschen Interpretation quasi als ein kleines Teilchen vor, daß auf fest gelegten Bahnen um den Atomkern kreist (an der Stelle hätte er gleich noch auf die Betrachtung als Elektronenwolke in Orbitalen eingehen können). In gewissen Betrachtungen des Standardmodelles ist es aber hilfreicher, es sich als eine Superposition zwischen zwei Zuständen vorzustellen. Analog sagt er, daß die Vorstellung von "Gott mit Rauschebart" sozusagen durchaus nicht falsch ist, jedoch bei der Betrachtungsweise, oder bei der Fragestellung, die untersucht wird, ein anderes Bild dafür zu nutzen ist.
Kommen wir nun zu seiner Vorstellung der Dreifaltigkeit. Oder nein, vorher müssen wir noch weiter das, sagen wir mal "Tiplersche Bild des Universums" betrachten. Herr Tipler sagt, daß die Unitarität es gebietet, daß das Universum wieder kollabiert (im Augenblick sieht alles nicht danach aus, aber zu dem amüsanten, skurrilen Schachzug, mit dem Herr Tipler dieses Problem lösen will, komme ich noch). Dementsprechend ist am Ende der Zeiten wieder eine Singularität zu erwarten. Desweiteren kann man, wenn man sich, von der einen Anfangssingularität zur Endsingularität eine Mannigfaltigkeit von Universen vorstellt, eine Art dritte Singularität, die die beiden miteinander verbindet und man sich als Rand des Multiversums denken kann, vorstellen. Da diese drei Singularitäten nicht wirklich Teil dieses Universums sind, sind sie auch nicht teil der Zeit, sondern gleichzeitig und quasi eine einzige (klingelts da von wegen trinitätslehre?)
Nun setzt er die Anfangssingularität mit dem Heiligen Geist gleich (weil "der Geist Gottes über den Wassern schwebte"), die Endsingularität mit dem Vater (denn Ich bin, der ich bin soll ja auch angeblich mit ich bin, der ich sein werde, übersetzbar sein), und die dazwischen mit dem Sohn Gottes.
Desweiteren stellt er Überlegungen zum Ende der Zeiten an, die übrigens seiner Meinung nach bald beginnen. Und hier beginnt das Buch spätestens, etwas krude, aber dennoch amüsant zu werden. Wie weiter oben gesagt, solle das Universum kollabieren, aber im augenblick sieht nichts danach aus. Da weder das Universum noch Gott sich widersprechen, wird, Determinismus, ick hör Dir trapsen, die Menschheit oder eine womöglich andere existierende Spezies eine Möglichkeit finden, aus dem Ausdehnungsprozeß des Universums Energie zu gewinnen, wodurch das Universum endlich kollabieren kann. Ich finde es köstlich, wie er aus dem Determinismus eine Prophezeihung ableitet. Ziemlich zeitgleich zu diesem Prozeß werden die Menschen Computer entwickeln, die ganze Menschen emulieren können und Devices, mit denen man quasi Menschen in den digitalen Äther herunterladen kann. Dort werden sie quasi unsterblich sein - vorrausgesetzt, den Computern passiert nichts. Das also ist des Tiplers vorstellung vom Himmel, so weit ich verstanden habe. In noch fernerer Zukunft wird es möglich sein, die längst verstorbenen auch zu emulieren und über die immer präsente Sohn-Singularität auf die Vergangenheit einzuwirken, wodurch wir nun dann den Kontakt zu den Heiligen hätten. Äh. Da Jesus laut ihm durch sogenannte Baryogenesis auferstanden ist (= die gesamte Materie wird in Neutrinos verwandelt und kann bei Bedarf wieder zurückverwandelt werden) und man davon Spuren auf dem Turiner Grabtuch, falls seine Theorie stimmen sollte, finden könnte (oder war es in den Steinen des Grabes Christi? Ich werde noch mal nachschauen), hätte Jesus mit seinem Tod und seiner Auferstehung das Mittel geliefert, mit dem wir den Expansionsprozeß des Universums stoppen könnten, unendlich viel Energie zur Verfügnung hätten und in einer schönen neuen virtuellen Welt weiterleben könnten.
Da die Energiegewinnung aus der Expansion des Universums auch die Möglichkeit für unglaublich starke Waffen mit sich bringen würde, kann man sich vorstellen, daß vor den "Human downloads" erstmal eine Zeit der großen Verwirrung anstehen wird, in der auch die Wiederkunft Jesu zu erwarten ist.
Hier weicht er dann doch gehörig vom Christentum ab. Weniger, weil die Vorstellung einer virtuellen Realität als Himmel irgendwie... sagen wir strange ist, sondern vielmehr, weil der Opfertod damit eigentlich nur noch Mittel zum Zweck - die Menschheit in Sachen wissenschaft anleiten - wurde. Außerdem kann ich mich mit dem Gedanken nicht anfreunden, daß nur eine Kopie von mir überleben würde. Mal brutal und hart ausgedrückt - mir ist doch scheißegal, wie es einer Kopie von mir geht, wenn ich trotzdem kein Leben nach dem Tod in Aussicht habe. Wenn, dann müßten diese virtuellen Egos irgendwie mit uns verschränkte Zustände sein, dann könnte man davon reden, daß diese Alter Egos wirklich zu 100% identisch mit uns sind. Aber das nur nebenbei.
Was mir gefallen hat (nicht, daß ich es hundertprozentig glaube, aber den Gedanken fand ich originell), fand ich, wie er die Jungfrauengeburt Jesu über, sagen wir, eine sehr unwahrscheinliche Möglichkeit (die aber dennoch existieren soll) der Autokonzeption deutete. Angeblich kam bei Untersuchungen des Turiner Grabtuches, und, soweit ich weiß, des tuches von Ovedo, heraus, daß auf beiden Tüchern die Blutflecken von der selben Person stammen und XX-Chromosomen haben. Nun hab selbst ich in einem Buch gelesen, daß es zu einem gewissen Prozentsatz XX-Männer gibt, und daß es zu einem sehr, sehr kleinen Prozentsatz diese auch fruchtbar sein können.
Ich sage nicht, daß ich das unbedingt glaube, aber ich fand es eine recht interessante "Erklärung". Und man muß dem Herrn Tipler lassen, daß er hier wie oft in seinem Buch bemüht ist, experimentelle Beweismöglichkeiten vorzustellen.
Seine Gedanken zur Unbefleckten Empfängnis sind erstens exotisch und zweitens recht materialistisch. Dem liegt erstens zugrunde, daß er die Engel und Dämonen zu Genen und Memen in der Welt erklärt (Satan als ehemaligen Schutzengel über die gesamte Schöpfung wäre dann seiner Meinung nach im Erbmaterial zu suchen, wozu er auch die Forscher einlädt) . Die Erbsünde, die er übrigens nicht zu menschlichen Zeiten, sondern im Kambrium, beim Übergang der Einzeller zum mehrzellerdasein vermutet - vorallem dadurch, daß Einzeller potentiell unsterblich sind -, hat nach seiner Ansicht etwas fundamentales im genetischen Programm, daß man in allem lebenden finden müsste, geändert. Diese Änderung war, da die wahrscheinlichkeit einer Rückbildung im Gencode zwar gering, aber nicht null ist, bei Jesus und Maria dazu geführt, daß sie sozusagen dann der Typ Mensch waren, wie er eigentlich gedacht war. So Herr Tipler.
Interessant finde ich noch seinen Ansatz, daß die Eucharistie und daß in Christus zwei Naturen leben über eine Quantenkohärenz zu erklären ist (d.h. daß zwei Wellenfunktionen eine wohldefinierte Phasenbeziehung besitzen), übrigens mal einer der Gedanken, die ich durchaus mal unterschreiben könnte.
Er geht auch auf einige Wunder ein, aber die Passagen fand ich nicht so spannend. Was noch ganz interessant war - was ich jedoch nicht teile - ist seine antwort auf den Widerspruch zwischen Gottes Allwissenheit und unserem freiem Willen. Er sagt, daß Gott eben nur Dinge, die logisch wirklich erkennbar sind, wissen kann - womit er auch die Frage nach dem Stein, den ein allmächtiger Gott nicht aufheben kann, beantwortet (kurz und knapp antwortet er darauf, daß das Fehlen einer Antwort auf diese Witzfrage nicht an Gott rüttelt, sondern die Unvollkommenheit unserer Sprache zeigt, die eben unsinnigen Schrott von sich geben kann, wie ein viereckiges Dreieck oder eine gerade Ecke). Dementpsrechend weiß Gott im Vorraus, was die Gesamtheit unerer ichs im Multiversum zu einem gewissen Prozentsatz tut, aber nicht, was der einzelne tut. Da ich kein Freund der Viele-Welten-Theorie bin, kann man sich vorstellen, daß diese Ansicht mich nicht befriedigt. Für mich sind das letztlich zwei voneinander unterschiedliche Themen, die man als Bild mit einem Buchauthor und den Charakteren in diesem Buch erklären kann: Der Buchauthor, der letztlich schon die vision der kompletten Geschichte im Kopf hat und genau weiß, daß es immer der Gärtner war, tut dem freien Willen der charaktere in der Geschichte keinen Abbruch. Wir leben quasi eine Ebene tiefer als Gott, dementsprechend weiß er, was passiert, aber durch unsere Unwissenheit sind wir frei. Meine Meinung dazu.
Zusammenfassend kann man sagen, daß ich mich köstlich amüsiert habe. Ich würde das Buch nicht unbedingt als christlich bezeichnen, eher wird aus dem Christentum eine Art Science-Fiction-Religion gebastelt, und an einigen Stellen auch nicht als wissenschaftlich. Jedoch rechne ich dem Herrn Tipler bei allen negativen Seiten des Buches hoch an, daß er erstens stark auf experimentelle Überprüfbarkeit setzt und zweitens danke ich ihm für diese in dieser Form einzigartige auseinandersetzung mit dem christentum. Was ich bisher zu Themen wie "Vereinbarkeit von Wissenschaft und glauben" gelesen habe, hat mich eher enttäuscht, dieses Buch hat mich wenigstens amüsiert und einige interessante Thesen aufgestellt.
Hauptproblem für mich ist, daß er in seinen Betrachtungen doch den Boden des Christentums desöfterern verläßt, was ihm bei Glaubensbrüdern sicherlich keine Lorbeeren bringen wird.
Wer an Physik, Christentum und Science Fiction Interesse hat, sollte das Buch unbedingt mal lesen.