Montag, Januar 27, 2020

St. Dymphnas Mund spricht: Von Tabubrüchen, Energiewirtschaft und einem nimmersatten Monster

Ich hatte bei Relaunch des Blogs die Idee, wirklich weirde Texte auch zu schreiben. Ich mein, hey, dieser Blog heißt St. Dymphnas Gedankenwelt. Außerdem brauche ich als Kind Gottes keinen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen. Meine Idee ist also, in unregelmäßigen Abständen seltsame Parabeln oder Gedankenspiele hier niederzuschreiben. Sollte ich dabei häretisch werden bitte ich um brüderliche Zurechtweisung. Und nun genug des Vorgeplänkels, machen wir uns auf nach Gheel und hören auf St. Dymphnas Mund: 

„Da dreht sich doch xyz im Grabe um!“ – Egal, um welches Thema es sich handelte, Konservative jeglicher Couleur beklagten, dass unsere Altvorderen entsetzt von der heutigen Zeit wären. Dabei ist es egal, was das Thema war:

- Goethe wäre von den heutigen Schriftstellern entsetzt
- Tupac dreht sich wegen Mumble Rap im Grabe um
- Einstein wäre von der heutigen Wissenschaftsindustrie (publish or perish) schockiert
- Pius XII würde seine Kirche nicht mehr wieder erkennen
- Euronymous wird ob Depressive Black Metal, Blackgaze und vor allem Reverorum Ib Malacht im Grab rotieren
- Adenauer würde ob Deutschlands und Europas sich im Grabe umdrehen

und und und...

Das Klagen der Konservativen ging weiter. Kein Wunder, das Rad der Zeit drehte sich weiter. Und mit jedem Jahr stieg die Anzahl derer, die sich, so das Sprichwort, im Grabe umdrehten.

Und irgendwann geschah es: Man entdeckte, dass es sich beim „im Grab rotieren“ nicht um eine Metapher handelte. Unsere Altvorderen drehten sich tatsächlich im Grab um. Leichenberge rotierten, die Erde der Friedhöfe vibrierte ob der Drehbewegung.

Eine solche Entdeckung ließ die Wissenschaft nicht kalt: Aus dieser Drehbewegung konnte Energie gewonnen werden! Aus den über den Verfall der Welt entsetzten Altvorderen konnte Energie gewonnen werden. Es war wohl der grünste Strom, den man sich vorstellen kann: Keine Kohle, kein Uran, nicht einmal Wasserstoff wurde benötigt. Und anders als die regenerative Energien war die Energiegewinnung aus dem Totenreich vollkommen wetterunabhängig. Gräber wurden exhumiert, Krematorien die neuen Kraftwerke und Leichenhallen zu Energiespeichern.

Am meisten jedoch freute es Progressive und Hedonisten: Jede Leiche, die begann, im Grab zu rotieren, bedeutete neue Energie. Die Zeiten der Orgien, der Banalisierung von Politik, Kunst, Wissenschaft und Religion gingen mit schnelleren Schritt voran - alles für den Energiehaushalt der Menschheit. Jeder Tabubruch war damit ein Dienst für die Menschheit, ja, jene, die alte Werte aufrecht erhalten wollten, galten als Feinde der Menschheit. Sie wurden verhöhnt, beleidigt, ausgegrenzt und irgendwann verfolgt. Die Erde der Friedhöfe begann zu beben und noch mehr Energie konnte aus dem moralischen Verfall der Menschheit gezogen werden.

Da diese Art des Energiegewinns nachhaltig und Einfach war geriet das Wissen über Alternativen verloren. Aus dem Wissen über Kernspaltung wurde ein Mythos, eine Legende über „Strom aus der Sonne“ erzählte man abends den Kindern. Manche Wissenschaftler staunten darüber, wie die Altvorderen aus Kohle Strom gemacht haben. Wie das Wissen über den Pyramidenbau oder die Autorenschaft des Voynych-Skriptes ging dieses Wissen im Strom der Zeit unter.

Irgendwann machte man jedoch eine unangenehme Entdeckung: Auch diese Art der Energiegewinnung war kein Nullsummenspiel. Wie bei klassischen Drehmotoren gab es hier auch einen Reibungseffekt. Je länger kein neuer Tabubruch kam, je länger die Menschheit bei einem Level an Verkommenheit stehen blieb oder gar sich wieder bessern wollte, desto ruhiger wurde die Rotation der Kadaver.

Die Menschheit musste den Weg des Skandals weitergehen, musste schneller neue Level der Sünde erreichen, um den Lebensstil zu erhalten. Sie war verzweifelt auf der Flucht in neue Widerlichkeiten und wusste, wenn sie jetzt nicht stehenblieb, wird sie untergehen. Schon lange bebte nicht mehr nur der Boden der Friedhöfe, die gesamte Erde wurde von den im Grab rotierenden Milliarden an Toten erschüttert. Die Menschheit kannte keinen ruhigen Boden mehr.

Irgendwann brach dann der große Krieg aus. Eine Menschheit, die inzwischen jeglichen moralischen Kompass verloren hatte, ging aufeinander los. Die Folgen waren verheerend. Die Gräueltaten waren zwar wieder grandiose Energiequellen, aber auch die hielten nicht lange.

Irgendwann war die Menschheit auf einen Bruchteil reduziert. Die Menschen lebten in kleinen Clans und streiften durch die Ruinen ihrer alten Hochkultur. Sie mussten sich an Lagerfeuern wärmen und fielen von der Technik Jahrhunderte zurück.

Doch merkten sie dabei auch etwas anderes: Die Böden hatten aufgehört zu beben. Eine neue Ruhe war in die Welt gekommen. Diese Ruhe ging auch auf sie, die letzten der Menschen über. Sie fanden Frieden.

„Tradition ist die Demokratie der Toten“