Es war einmal ein Junge, der die Erwachsenen im Dorf ärgerte, weil er immer Wolf rief. Eines Tages sah er tatsächlich einen Wolf. Er rief „Wolf, Wolf“, doch keiner hörte auf ihn. „Haha“ riefen die Erwachsenen, der Junge, der immer Wolf schreit, will uns wieder verhohnepieln! Und so half niemand dem Jungen und er wurde vom Wolf gefressen.
DRAMA.
Und die Moral von der Geschicht, so lehrt man uns: Verulke-lügen lohn sich nicht. Oder so.
Hm. Erstens sollte man die ganze Geschichte auch mal aus Sicht der Erwachsenen betrachten. Weil sie also nun einem Jungen nicht mehr vertrauen, weil sie sich weigern, verulkt zu werden, musste der Junge sterben. Ein grausames Opfer auf dem Altar der Ehrlichkeit!
Als Jugendlicher sagten mir desöfteren Freunde, die mich verulkten, dass ich naiv sei. Nun, stimmt zum Teil, denn ich vertraue Freunden. Vertrauen ist eine Form von Naivität, doch eine, auf die die Gesellschaft baut. Um ehrlich zu sein, lasse ich mich lieber verulken als dass ich einem Freund, der in Not ist, nicht helfe.
Doch das eigentliche Problem mit der Geschichte ist, dass sie so nicht stimmt. Denken wir doch an die Nouriel Roubinis der Welt - gerade in der aktuellen erzitternden Wirtschaftslage. In der Hinsicht liest sich die Geschichte eher wie folgt:
Es war einmal ein Junge, der immer Wolf rief. Die Erwachsenen lachten, denn schließlich wohnten sie in einer Region, in der keine Wölfe lebten. Doch eines Tages, als der Junge mal wieder „Wolf, Wolf“ rief kam tatsächlich ein Wolf des Weges. Die Erwachsenen feierten den Jungen. Seitdem nennen die Erwachsenen ihn „Dr. Wolf“, man hat ihm eine Ehrendoktorwürde in Zoologie verliehen und er ist gern gesehener Talkshowgast. Aktuell warnt er vor den Wölfen auf der ISS.
Ok, zugegebenermaßen: Die Nouriel Roubinis der Welt blöken nicht einfach „Marktcrash, Marktcrash“, sondern machen auf tatsächliche Probleme an den Wirtschaftsmärkten aufmerksam. Doch immer den „baldigen“ Untergang oder Crash zu sehen ist irgendwann nicht falsifizierbar. Es sind keine belastbaren Thesen.
Da mag ich - ganz im Sinne der Patronin der verrückten - eher irgendwelche kruden Theorien wie Survive Shemitah, die behaupten, dass eine düstere Kabale alle Jubeljahre die Finanz crashen lässt. Das ist wenigstens falsifizierbar.