Samstag, September 12, 2020

St. Dymphna spricht: Vom (Un)sinn der Hufeisentheorie

Als Tl; dr führe ich meinen Gedanken mal in Form eines erweiterten Memes ein: 

Joke: RiGhT iS rIgHt aNd lEfT iS wRoNg
Broke: everything which is bad comes from the right
Bloke: we have to look at both extremes
Woke: the middle ground between left and right is the correct way 
Bespoke: who am I to proclaim that I am on the correct way? 
Baroque: I, as everybody else, am a poor sinner in desperate need of salvation

Die Hufeisentheorie hat aktuell wieder Hochkonjunktur. Gerade in Zeiten von Coronaleugnern, "Covidioten", Maskenverweigerern und und und wird gerne betont, dass hier die Extreme beider politischer Seiten... eben extrem sind. 

Wir kennen eine ähnliche Haltung in der Kirche: Weder die Modernisten, welche mit dem Geist des Konzils das eigentlich ja vollkommen sinnvolle Konzil gekapert haben sollen noch die Traditionalisten, welche anders herum dasselbe Konzil mit Bausch und Bogen verurteilen, wäre richtig. Korrekt wäre ein Weg der Mitte. Statt Hermeneutik des Bruches und Hermeneutik der Kontinuität kommt eine Hermeneutik der Reform. Statt Alten und Neuen Ritus spricht man lieber von außerordentlicher und ordentlicher Form des römischen Ritus. 

Gegen das alles ist nicht viel zu sagen. Es ist durchaus korrekt, nicht einfach (wie viele Rechte, Linke, Traditionalisten und Modernisten) die jeweilige Antithese zur eigenen Position für alles verantwortlich zu machen.  

Verständlich also, auf eine Idee wie die Hufeisen-Theorie zu kommen: Irgendwann nähern sich Rechts und Links an, so heißt es, und beides stehe dem Wahren, Guten und Schönen gegenüber. 

Immer mehr merkt man jedoch, dass es auch einen Extremismus der Mitte gibt. Die an sich offenste aller Denkhaltungen, die innerkirchliche Position, die dazu berufen ist, eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft zu schlagen, wird immer mehr zu einer Anti-Position. Den wirklichen Weg vorwärts weisen wich einem immer radikaleren "weder-noch". Und so kommt es dann, dass man Meinungen aus diesen Richtungen überhaupt kein Gehör mehr schenkt. 

Was ich mich jedoch frage: Ist das nicht der Urgrund dessen, was die Extrempositionen falsch macht? Die Meinung, man selber hätte auf jeden Fall recht? 

Die christliche Demut lehrt mich anderes: Es besteht, egal wer ich bin, egal wie gebildet oder von Gott auserwählt ich bin, immer die Möglichkeit, dass ich falsch liege. Dass ich, selbst wenn ich zweimal in der Woche fasten und den zehnten Teil meines ganzen Einkommens den Armen geben würde, doch tief in mir 
so bin wie die anderen Menschen bin, wie die Räuber, Betrüger, Ehebrecher, Covidioten, SJWs, Karens, Tradis und Modernisten oder auch wie dieser Zöllner dort. Und dass ich, wenn ich das nicht einsehe, von Gott nicht erhört werde. 

Die wahre Antwort auf Extrempositionen ist nicht, eine eigene Position zu formulieren, auf der ich mich ausruhen kann, sie sei die Richtige. Die wahre Antwort ist Demut, das Bewusstsein, dass ich falsch liegen kann. Das hören auf Gottes Stimme, auf Propheten, die auftreten und vielleicht meine eigene Position in Frage stellen. 

Freitag, August 07, 2020

Nicht reden, machen! Vom Neuen Ritus, der Kirche und tollen Zaubertricks

Als guter Berliner bin ich natürlich Fan von Fil und seinem Comic Didi und Stulle. In einer Episode tritt Didi in einen... na ja... "Wettstreit". Gott führt alle Arten von Wundern vor und Didi kommentiert mit "Ick schlaf glei' ein, dit kann ick ooch". Insgesamt eine amüsante Passage über einen der liebsten ignoranten Berliner.

Die Haltung, die Didi in den Mund gelegt wird, im Beispiel gegenüber dem Allmächtigen, ist eine Haltung, di e man nur zu gut kennt. "Kann ick ooch" scheint sich so mancher Pumperjochen im Fitness-Studio zu denken, wenn er jemanden Gewichte squatten sieht, die deutlich unter seiner Beinpresse liegen. Sobald er selbst unter der Langhantel steht merkt er: Reden ist einfacher als machen. 

Schon als Kind gab es dieses Phänomen. Ich kann mich noch an einen Banknachbar erinnern, der bei einer Zaubervorführung altklug sagte "Pff, das sind ja alles Tricks". Ja, duh! Surprise, der große David Copperfield beschwört keine Dämonen aus der Hölle um Karten verschwinden zu lassen, never thought that could happen. 

Dang it, ich werde mal wieder salty! Warum rede ich aber über Maulhelden so viel? Weil ich denke, dass dies auch ein großes Problem in der Kirche ist. 

Innerhalb der Kirche merkt man es an manchen Formen der Apologie um den neuen Ritus. "Richtig zelebriert", so erklären einige, "ist die ordentliche Form des römischen Ritus (wie man ja, möchte man der ecclesical correctness frönen, korrekt sagen sollte, ich weiß) mindestens so feierlich wie die außerordentliche Form". 

Auch wenn ich finde, dass hier manche Aspekte ignoriert werden stimme ich ein wenig zu (ohne das mindestens). Ein schön gefeierter Novus Ordo was phantastisches! Ich erinnere mich in dem Sinne immer noch gerne an meine Hochzeit, die mit einer derartigen Liturgie aufwarten durfte. Those were the days my friend... 

Ja, der Neue Ritus kann wirklich würdig gefeiert werden. Er wird es aber nicht dadurch, dass man es als Apologie gegen irgendwelche Tradis anführt, sondern dadurch, dass man ihn würdig feiert. Warum werden also Debatten über toxische Traditionalisten geführt, statt über die voranschreitende Banalisierung der ordentlichen Form? Und ich rede nicht von wirklich dramatischen liturgischen Missbräuchen, sondern von einem Gloria, was inzwischen aus der neuen Messe verschwunden ist. Von einem römischen Messkanon, der nun verklungen ist, weil er in der außerordentlichen Form schweigend, in der ordentlichen überhaupt nicht mehr gebetet wird. Von Psalmen, die durch "ähnliche Lieder" ersetzt werden. Von einer schleichenden Transformation des Messopfers in eine Glaubensunterweisungsstunde mit mehreren Predigten. All das sind Dinge, die selbst bei ordentlichen Versionen der ordentlichen Form (hrhr, tolle Formulierung) auftreten. Warum vertut man so viel Zeit, über Steve Stojeks und wer weiß wen noch auf tradtwitter zu schimpfen, anstatt sich für eine wirkliche Wiederentdeckung des Neuen Ritus in seiner Fülle auszusprechen? 

Das Problem sieht man in ähnlicher Form in einem noch größeren Kontext. Wie häufig höre ich, dass der Glaube und die Vernunft sich nicht ausschließen. Dass der Glaube wirklicher wissenschaftlicher Arbeit nicht im Weg steht. 

Ich glaube das nicht nur, ich bin arrogant genug zu meinen, dass die Vernunft in seiner Fülle erst jener findet, der Christus gefunden hat. Warum ist ein anderes Thema, vllt schreibe ich dazu mal einen Blogpost. Was mich jedoch daran stört: Wird eine Aussage wie die Gleichwertigkeit von Glaube und Vernunft als Ansporn oder als Entschuldigung verstanden? Oft habe ich den Eindruck, man trägt vor sich her, dass das Christentum - siehe all die Wissenschaftler in der Vergangenheit, die Lemaitres, die Mendels, die Schar der Jesuiten, nach denen Krater auf dem Mond benannt sind - wirklich wissenschaftlichem Denken nicht im Wege steht. Wieder: "Richtig gedacht kann der Christ mindestens so ein guter Wissenschaftler wie der Atheist sein". Und ja, sicherlich stimmt es - nur warum geht man damit nicht hausieren? 

Klar, ich verstehe es vom Menschlichen her. Am Rand zu stehen und "Kann ick ooch" zu sagen ist einfacher als selber umzusetzen. Und selbst dieses umsetzen ist tausendmal einfacher als dies quasi als Apostolat zu machen.  Aber irgendwie muss die Kirche hier wieder einen Weg für sich entdecken, der Welt zu zeigen, dass wir die Welt mitgestalten. Ansonsten machen es nämlich andere Leute - und wir stehen am Rand. Und das wäre nicht nur schade, das wäre ein Verrat am Auftrag Christi. 

Mittwoch, Juni 17, 2020

Von Spuren im Sand, einem tragbaren Kreuz und anderen Halbwahrheiten

Ich habe in meinem "Relaunch" des Blogs über das Kalenderspruch-Christentum gelästert. Über Spuren im Sand, die zeigen, wann Gott einen getragen hat, über ein Kreuz, was Gott nur so schwer wählt, dass man es selbst tragen kann und anderes. Nun dachte ich, dass ich diesen Kalendersprüchen nochmal etwas Raum gebe. Der Anlass war eine meiner Meinung nach amüsante Variation der Geschichte über die Spuren im Sand, hier mal übersetzt und etwas paraphrasiert:

Personaler: Ich sehe in Ihrem Lebenslauf eine Lücke... 
Bewerber: Dort habe ich Dich getragen.
(Ja, ich liebe Nonsens-herumgetrolle)

Jenen Lesern, denen die Geschichte über die Spuren im Sand nichts sagt: Hier kann man sie nachlesen. Klar, eine schöne Geschichte, die durchaus auch einen wichtigen Glaubensinhalt bewusst macht: Gott ist mit uns. So weit, so gut.

Mein Problem mit dieser Geschichte und mit so vielen anderen ist, dass sie zu sehr das feel-good-Christentum betont. Gerne wird die Geschichte in rosasten Farben und umrandet von Blumen präsentiert. Am besten noch mit einer sanften (Lobpreis-)Melodie im Hintergrund und fertig ist die Vorlage für einen Heiheitrulalala-Glauben.

Mein Problem dabei ist, dass derartige Darstellungen die Irrlehre der Atheisten, Religion sei eine Krücke für die Schwachen, eigentlich unterstützen. Man bekommt, gerade mit dem Fokus des Christentums auf Demut und auf die Vater-Kind-Beziehung zwischen Gott-Vater und dem einfachen Gläubigen, den Eindruck, als würde es sich beim Christentum um ein derartiges Hilfsmittel handeln. Mal ganz davon abgesehen, dass in Zeiten des Kreuzes ein Glaube, der meint, dass Gott einem immer helfen würde, eine schlimme Krise durchstehen würde.

Klar, Gott trägt uns in Zeiten der Finsternis, vor ihm ist auch die Finsternis nicht finster. Und ja, Gott mutet niemandem ein Kreuz zu, was er selbst nicht tragen kann. Doch was heißt das? Christus ist dreimal unter dem Kreuz gestürzt und brauchte zeitweise die Hilfe von Simon von Cyrene.

"Gott mutet einem kein Kreuz zu, was man nicht selber tragen kann" – einer jener Sprüche, bei dem ordentliches Krafttraining helfen kann, zu verstehen, was "das Kreuz tragen" heißen kann (und nicht nur wegen Kreuzheben!). Was dieses "was man selber tragen kann" bedeutet macht ein Trainingsprogramm mit dem schönen Namen 20 Rep Squats klar.

Das Programm ist schnell beschrieben: Pack so viele Hantelscheiben auf eine Hantel wie du für 10 Kniebeugen (auf englisch Squats) drauf machen würdest - und dann mach 20 Wiederholungen damit. Wenn Du also bisher 70 kg zehnmal hochstemmen konntest machst Du dieses Gewicht auf die Hantel und machst 20 Wiederholugen.

Oh, du darfst Pausen machen. Du sollst es sogar: Nach jeder Wiederholung sollst Du dreimal tief einatmen. Man spricht hier auch gerne von Breathing Squats. Dieses Inhalieren in einer aktiven Pause (die Hantel bleibt auf den Schultern) versorgt den Körper mit genügend Sauerstoff, um diese Übung durchzustehen.

Aus eigener Erfahrung kann ich euch sagen: Es ist ein brutales Training! Bei meinem letzten Absolvieren eines derartigen Trainings habe ich bei den letzten fünf Wiederholungen jedes Mal aufgeschrien, meine Beine brannten wie Feuer und waren weich wie Butter. Nachdem ich das Gewicht wieder sicher abgelegt hatte konnte ich erstmal mehrere Minuten nicht mehr aufstehen. Die Lektion:

Man kann viel mehr tragen als man eigentlich tragen kann. 

Nach zehn Wiederholungen mit einem schweren Gewicht ist man sicherlich etwas außer Atem, spürt schon ordentlich was in den Beinen - aber hat noch nicht einmal eine Idee der eigenen Belastungsgrenzen mitbekommen. Und ich bin mir sicher, dass selbst bei einem organisierten Programm wie dem oben beschriebenen man sich zwar der ultimativen Grenze nähert, aber Menschen in Notsituationen noch mehr leisten können.

Gott legt uns kein Kreuz auf die Schultern, was wir nicht tragen können. Das, was wir aber tragen können, kann uns unglaublich viel abverlangen. Es ist also kein Wohlfühlspruch, sondern eine Warnung, was noch kommen kann.

Leben ist K(r)ampf an vielen Stellen. Es gehört zum Mysterium des Lebens dazu. Nicht nur das große Leiden, auch die kleinen Kämpfe, die Sidequests, auf die das Leben einen so führt. Und dennoch: Das Leben ist phantastisch. Wir alle sind so toll, dass Gott uns geschaffen hat. Das muss über unser Leben, unsere großen und kleinen Kämpfe, unser Kreuz eine Menge heißen!

Sonntag, Mai 17, 2020

St. Dymphna spricht: Der Junge, der Wolf schrie - Wirtschaftsedition

Jeder kennt sie, die Geschichte vom Jungen, der Wolf rief. Sie geht grob so:

Es war einmal ein Junge, der die Erwachsenen im Dorf ärgerte, weil er immer Wolf rief. Eines Tages sah er tatsächlich einen Wolf. Er rief „Wolf, Wolf“, doch keiner hörte auf ihn. „Haha“ riefen die Erwachsenen, der Junge, der immer Wolf schreit, will uns wieder verhohnepieln! Und so half niemand dem Jungen und er wurde vom Wolf gefressen. 

DRAMA.

Und die Moral von der Geschicht, so lehrt man uns: Verulke-lügen lohn sich nicht. Oder so.

Hm. Erstens sollte man die ganze Geschichte auch mal aus Sicht der Erwachsenen betrachten. Weil sie also nun einem Jungen nicht mehr vertrauen, weil sie sich weigern, verulkt zu werden, musste der Junge sterben. Ein grausames Opfer auf dem Altar der Ehrlichkeit!

Als Jugendlicher sagten mir desöfteren Freunde, die mich verulkten, dass ich naiv sei. Nun, stimmt zum Teil, denn ich vertraue Freunden. Vertrauen ist eine Form von Naivität, doch eine, auf die die Gesellschaft baut. Um ehrlich zu sein, lasse ich mich lieber verulken als dass ich einem Freund, der in Not ist, nicht helfe.

Doch das eigentliche Problem mit der Geschichte ist, dass sie so nicht stimmt. Denken wir doch an die Nouriel Roubinis der Welt - gerade in der aktuellen erzitternden Wirtschaftslage. In der Hinsicht liest sich die Geschichte eher wie folgt:

Es war einmal ein Junge, der immer Wolf rief. Die Erwachsenen lachten, denn schließlich wohnten sie in einer Region, in der keine Wölfe lebten. Doch eines Tages, als der Junge mal wieder „Wolf, Wolf“ rief kam tatsächlich ein Wolf des Weges. Die Erwachsenen feierten den Jungen. Seitdem nennen die Erwachsenen ihn „Dr. Wolf“, man hat ihm eine Ehrendoktorwürde in Zoologie verliehen und er ist gern gesehener Talkshowgast. Aktuell warnt er vor den Wölfen auf der ISS. 

Ok, zugegebenermaßen: Die Nouriel Roubinis der Welt blöken nicht einfach „Marktcrash, Marktcrash“, sondern machen auf tatsächliche Probleme an den Wirtschaftsmärkten aufmerksam. Doch immer den „baldigen“ Untergang oder Crash zu sehen ist irgendwann nicht falsifizierbar. Es sind keine belastbaren Thesen.

Da mag ich - ganz im Sinne der Patronin der verrückten - eher irgendwelche kruden Theorien wie Survive Shemitah, die behaupten, dass eine düstere Kabale alle Jubeljahre die Finanz crashen lässt. Das ist wenigstens falsifizierbar.

Donnerstag, April 16, 2020

Wie ein Dieb in der Nacht – Gedanken zu Corona

Jessas! Ich wollte tief in der Fastenzeit was zu Corona schreiben, kam jedoch nie dazu. Aber jetzt :D

„The revolution will be carbonated“ titelt das Debutalbum von Sister Surge, einem eher unbekannten Vaporwave-Projekt von 2013. Sowohl das Album als auch das Genre Vaporwave liefert eigentlich gute Stichwörter.

Vaporwave ist an sich ein kapitalismuskritische Musikrichtung. Anders als Punk oder Hardcore lärmt sie jedoch nicht, sie... plätschert vor sich hin. Viele Vaporwave-Stücke sind  leicht heruntergepitchte alte Popsongs, die noch mit Effekten versehen sind. Nichts außergewöhnliches, eigentlich, wie der Name sagt, nicht viel mehr als heiße Luft.

Und doch ist die Musik sozialkritischer als der Punk oder Hardcore. Oder einen Schritt weiter. Wie gesagt, es ist eine Kritik am late-stage-capitalism. Es wird jedoch nicht protestiert, sondern eher die Banalität der Wegwerf-Kultur zelebriert. Ähnlich wie im Accelerationismus ist der Gedanke, dass der Raubtier-Kapitalismus am Ende sich selbst ad absurdum führt.

Bevor man mir hier kommunistisches Gedankengut unterstellt: Ähnlich hat der Distributist Hilaire Belloc über den Kapitalismus in "the servile state" geschrieben. Der Kapitalismus ist, wie der Kommunismus, ein instabiles System, was nicht aus sich heraus leben kann. Und damit zum Scheitern verurteilt ist.

Doch zurück zur Musik und damit auch bald zum eigentlichen Thema. Das faszinierende an Vaporwave ist die Ruhe, mit der gegen das bestehende System musiziert wird, gegen den Verfall ins Absurde.

The revolution will be carbonated: Sie wird normal sein. Nicht laut, nicht blutig, sondern so banal wie ein Sodadrink mit Kohlensäure. Gott offenbarte sich im Säuseln und nicht im Donner. Und das Gericht kommt wie ein Dieb in der Nacht.

"wie ein Dieb in der Nacht" - ich habe früher die beschreibung immer unheimlich gefunden, doch denke ich jetzt anders darüber. "in der Nacht" ist die Zeit, in der ich gemütlich im Bett liege, hoffentlich nicht schnarche und hoffentlich angenehme Träume habe. Es ist eine angenehme Zeit, aber auch wieder vor allem eines: nichts besonderes.

Nun sitzen wir alle in Quarantäne. Deutschland verbot den Messbesuch, wie auch viele andere Länder. Extrovertierte werden in dieser Isolationshaft wahnsinnig. Die häusliche Gewalt steigt an, die Selbstmordrate wird vielleicht auch bald ansteigen. Die Weltwirtschaft steht vor einer großen Krise. Die Welt ist im Bann von Covid-19. Eine Pandemie legt die Welt lahm.

Das alles klingt wie aus einem düsteren, dystopischen Thriller, eigentlich wie eine Beschreibung der Apokalypse. Ich würde gerne in die Vergangenheit reisen und mich selbst fragen, wie ich eine Zeit nennen würde, die folgende Eigenschaften hat:

- Ein Virus ohne Impfstoff oder wirksame Medizin macht die Runde
- Die Weltwirtschaft steht vor einem Kollaps
- Die halbe Welt steht unter Hausarrest
- Die Kirchen stehen per Dekret der Regierenden leer

Ich bin mir sicher, dass ich diese Situation für die Apokalypse halten würde. Was bedeutet das aber für den Alltag vieler? Ich hocke hier, mit einem über die letzten Wochen gewachsenen Bart (der zu Ostern korrekturgestutzt wurde), hab die Beine auf der Couch und den Lappi auf dem Schoß. Ich hätte niemals gedacht, dass ich die Apokalypse in Jogginghose erleben würde.

Für viele, auch für jene, die darunter deutlich mehr als ich leiden, ist das schlimme an der Corona-Krise die Banalität. Und doch passt es zum Wirken Gottes.

Was ist der Grund für diese große Krise? Ist es eine Strafe Gottes? Ist es die Natur, die sich rächt? Ich weiß es nicht. Was ich jedoch weiß: Unser Herr ist ein Gott, der so etwas tut. Wir wissen nicht genau, warum, aber das Negative in der Welt gehört zu Gottes Plan.

Was machen wir also daraus? Oder weniger predigerhaft: Was mach ich daraus? Ich versuche, die Situation zu nutzen. Mich ärgert gerade, dass ich das Morgengebet die letzten Tage verpennt habe, das muss ich wieder nachholen. Ich werde weiter via Streams oder wenigstens über das Lesen der Messtexte eine kleine Kapelle in meinem Schlafzimmer haben. Vom weltlichen her werde ich Sport machen, auf meine Ernährung achten und mich weiterbilden - soweit es meine Arbeit erlaubt.

Kurz: mit Blick auf den Herrn weitermachen. Wachen und beten und so den Dieb in der Nacht, die Grausamkeit der aktuellen Banalität weiter beobachten.

Montag, Januar 27, 2020

St. Dymphnas Mund spricht: Von Tabubrüchen, Energiewirtschaft und einem nimmersatten Monster

Ich hatte bei Relaunch des Blogs die Idee, wirklich weirde Texte auch zu schreiben. Ich mein, hey, dieser Blog heißt St. Dymphnas Gedankenwelt. Außerdem brauche ich als Kind Gottes keinen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen. Meine Idee ist also, in unregelmäßigen Abständen seltsame Parabeln oder Gedankenspiele hier niederzuschreiben. Sollte ich dabei häretisch werden bitte ich um brüderliche Zurechtweisung. Und nun genug des Vorgeplänkels, machen wir uns auf nach Gheel und hören auf St. Dymphnas Mund: 

„Da dreht sich doch xyz im Grabe um!“ – Egal, um welches Thema es sich handelte, Konservative jeglicher Couleur beklagten, dass unsere Altvorderen entsetzt von der heutigen Zeit wären. Dabei ist es egal, was das Thema war:

- Goethe wäre von den heutigen Schriftstellern entsetzt
- Tupac dreht sich wegen Mumble Rap im Grabe um
- Einstein wäre von der heutigen Wissenschaftsindustrie (publish or perish) schockiert
- Pius XII würde seine Kirche nicht mehr wieder erkennen
- Euronymous wird ob Depressive Black Metal, Blackgaze und vor allem Reverorum Ib Malacht im Grab rotieren
- Adenauer würde ob Deutschlands und Europas sich im Grabe umdrehen

und und und...

Das Klagen der Konservativen ging weiter. Kein Wunder, das Rad der Zeit drehte sich weiter. Und mit jedem Jahr stieg die Anzahl derer, die sich, so das Sprichwort, im Grabe umdrehten.

Und irgendwann geschah es: Man entdeckte, dass es sich beim „im Grab rotieren“ nicht um eine Metapher handelte. Unsere Altvorderen drehten sich tatsächlich im Grab um. Leichenberge rotierten, die Erde der Friedhöfe vibrierte ob der Drehbewegung.

Eine solche Entdeckung ließ die Wissenschaft nicht kalt: Aus dieser Drehbewegung konnte Energie gewonnen werden! Aus den über den Verfall der Welt entsetzten Altvorderen konnte Energie gewonnen werden. Es war wohl der grünste Strom, den man sich vorstellen kann: Keine Kohle, kein Uran, nicht einmal Wasserstoff wurde benötigt. Und anders als die regenerative Energien war die Energiegewinnung aus dem Totenreich vollkommen wetterunabhängig. Gräber wurden exhumiert, Krematorien die neuen Kraftwerke und Leichenhallen zu Energiespeichern.

Am meisten jedoch freute es Progressive und Hedonisten: Jede Leiche, die begann, im Grab zu rotieren, bedeutete neue Energie. Die Zeiten der Orgien, der Banalisierung von Politik, Kunst, Wissenschaft und Religion gingen mit schnelleren Schritt voran - alles für den Energiehaushalt der Menschheit. Jeder Tabubruch war damit ein Dienst für die Menschheit, ja, jene, die alte Werte aufrecht erhalten wollten, galten als Feinde der Menschheit. Sie wurden verhöhnt, beleidigt, ausgegrenzt und irgendwann verfolgt. Die Erde der Friedhöfe begann zu beben und noch mehr Energie konnte aus dem moralischen Verfall der Menschheit gezogen werden.

Da diese Art des Energiegewinns nachhaltig und Einfach war geriet das Wissen über Alternativen verloren. Aus dem Wissen über Kernspaltung wurde ein Mythos, eine Legende über „Strom aus der Sonne“ erzählte man abends den Kindern. Manche Wissenschaftler staunten darüber, wie die Altvorderen aus Kohle Strom gemacht haben. Wie das Wissen über den Pyramidenbau oder die Autorenschaft des Voynych-Skriptes ging dieses Wissen im Strom der Zeit unter.

Irgendwann machte man jedoch eine unangenehme Entdeckung: Auch diese Art der Energiegewinnung war kein Nullsummenspiel. Wie bei klassischen Drehmotoren gab es hier auch einen Reibungseffekt. Je länger kein neuer Tabubruch kam, je länger die Menschheit bei einem Level an Verkommenheit stehen blieb oder gar sich wieder bessern wollte, desto ruhiger wurde die Rotation der Kadaver.

Die Menschheit musste den Weg des Skandals weitergehen, musste schneller neue Level der Sünde erreichen, um den Lebensstil zu erhalten. Sie war verzweifelt auf der Flucht in neue Widerlichkeiten und wusste, wenn sie jetzt nicht stehenblieb, wird sie untergehen. Schon lange bebte nicht mehr nur der Boden der Friedhöfe, die gesamte Erde wurde von den im Grab rotierenden Milliarden an Toten erschüttert. Die Menschheit kannte keinen ruhigen Boden mehr.

Irgendwann brach dann der große Krieg aus. Eine Menschheit, die inzwischen jeglichen moralischen Kompass verloren hatte, ging aufeinander los. Die Folgen waren verheerend. Die Gräueltaten waren zwar wieder grandiose Energiequellen, aber auch die hielten nicht lange.

Irgendwann war die Menschheit auf einen Bruchteil reduziert. Die Menschen lebten in kleinen Clans und streiften durch die Ruinen ihrer alten Hochkultur. Sie mussten sich an Lagerfeuern wärmen und fielen von der Technik Jahrhunderte zurück.

Doch merkten sie dabei auch etwas anderes: Die Böden hatten aufgehört zu beben. Eine neue Ruhe war in die Welt gekommen. Diese Ruhe ging auch auf sie, die letzten der Menschen über. Sie fanden Frieden.

„Tradition ist die Demokratie der Toten“