Freitag, August 15, 2008

Ein paar Gedanken zu Kruzifixen

Ich hoffe, daß dieser Artikel nicht modernistisch rüberkommt. Noch weniger, daß man den Eindruck bekommt, ich hätte was gegen die Darstellungen Jesu am Kreuz im allgemeinen. Und am wenigsten, daß irgendjemand denkt, mir wäre Jesu Kreuzestod egal. Aber fangen wir von vorne an.

Wenn man in einer gut katholischen Gegend lebt, sieht man vielleicht viele Wegkreuze, vielleicht sogar Kreuze in den Schulen etc. Es wird gesagt, daß diese Zeichen, wenn man so will, Lebenszeichen des Christlichen in diesen Landstrichen sind. Frei nach dem Motto: "Wir sind hier". Das Kruzifix in den Schulen oder in öfftenlichen Häusern soll darauf hinweisen, auf welchen Säulen unsere Gesellschaft steht. So weit stimme ich zu.

Für das, was mir in den Sinn kam, muß ich jedoch weiter ausholen.

Was ist denn vor fast zweitausend Jahren auf Golgotha passiert? Die Finsternis, das Böse, Satan hatte seine Stunde. Benedikt XVI sagte mal, daß der Ostersamstag für die Welt ohne Gott steht. Der Sohn Gottes, der eines Wesen mit dem Vater ist, wurde ans Kreuz geschlagen. Der Mensch hat Gott getötet. (der drei Tage später getreu seiner Verheißung wieder auferstand) Ist uns noch wirklich bewußt, was schreckliches, unglaubliches da passiert ist? Alle Blasphemien sind gegen das Mysterium von Golgotha kaum noch etwas! Beim Gedanken an das Kreuz sollte man entsetzt sein, entsetzt darüber, was damals passiert ist! Man sollte vor Ehrfurcht auf die Knie vor dem Niederfallen, der sich für uns hingab - und, mit der Erinnerung an die Auferstehung sollte man in tiefster Ehrfurcht Gott loben und danken, daß Er es ist, der aus dem Bösen noch das Gute entwachsen läßt. Der im Moment der Niederlage den größten Sieg gegen den Satan schlug.

Was ist weiterhin passiert? Selbst, wenn wir jetzt mal ganz säkular uns Golgotha nähern, ist dort immer noch ein Mensch grausam zu Tode gemartert worden. Wenn man sich mit dem Turiner Grabtuch auseinandersetzt, merkt man schnell, wie sehr Unser Heiland leiden mußte und wie Böse der Mensch sein kann.

Was ist von dem allen bewußt, wenn wir auf ein Kruzifix sehen? Am Stephansdom in Wien gibt es eine Darstellung der Kreuzigungsszene, die von vielen der "Zahnweh-Herrgott" genannt wird. In einem zum Museum umgewandelten Kloster in Magdeburg kletterten zwei Kinder ein Kreuz hoch. Und wie oft rennt man an Kreuzen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen, macht nachlässig beim Beten ein Kreuzzeichen! (Letzteres nur mal erwähnt, um nicht zu denken, daß nur irgendwelche Atheisten oder moderne Kumba-Yah-Christen vielleicht einen falschen Blick auf das Kreuz haben)

Als die Passion Christi herauskam, gab es nicht nur aus der weltlichen Presse, sondern auch von einigen Leuten aus der Kirche die Kritik, daß dieser Film zu grausam wäre. Mal von meiner Meinung zu diesem Film abgesehen frage ich mich da, ob sich diese Leute wirklich bewußt waren, was auf Golgotha passiert ist oder ob sie, polemisch gesagt, von Barock-Darstellungen eines Jesus am Kreuz geblendet waren.

Und hier kommen wir zu der Frage, die ich mir seit einigen Tagen stelle: Ist es vielleicht desensibilisierend, beispielsweise in Schulen das Kreuz aufzuhängen? Ihr merkt richtig, ich frage nicht, ob es "für die armen kleinen" nicht zu brutal ist etc. - auch Kinder sollten wirklich ein Bewußtsein dafür entwickeln, was Unglaubliches damals passiert ist. Ich mein, wenn ich mein Corpusloses Kreuz sehe, sehe ich ein Zeichen des Bekenntnis und irgendwo ganz, ganz weit hinten im Hinterkopf rumort der eigentliche Inhalt des Kreuzes.

Mich erinnert das an das Problem der Desensibilisierung bezüglich des Holocaust, das ich bei vielen Altersgenossen (auch bei mir) sehen kann: Da man in der Schule so unglaublich oft davon hörte - in der neunten Klasse sprachen wir in Geschichte, Deutsch und Religion parallel darüber - war man irgendwann eher genervt denn entsetzt, eine wirklich bedrohliche Entwicklung!

Und so frage ich mich, ob man in Schulen und öffentlichen Gebäuden nicht lieber Bilder von Maria oder passenden Schutzpatronen aufhängen sollte, das Kreuz aber natürlich weiterhin in Kirchen an zentralen Orten (wie Benedikt XVI vorschlug: Auf dem Altar, der im Meßopfer letztlich für Golgotha steht) ausstellen sollte. Denn dort wird der Tod des Herrn verkündigt und seine Auferstehung gepriesen, dort wird das Opfer unblutig vergegenwärtigt und deshalb ist dort natürlich der würdige Platz.

2 Kommentare:

Scipio hat gesagt…

Lieber Fingo,

danke für dieses Posting!

Ich bin ja auch hin und her gerissen, wo ich doch in einem Bundesland lebe, wo es von Kreuzen und Kruzifixen geradezu wimmelt und wo der Landesvorsitzende der Grünen sich entschuldigen muß für einen entsprechenden Vorstoß von Parteifreunden.

Ich glaube, es gibt aus christlicher Sicht keine saubere Lösung: Wenn die große Mehrheit der Deutschen (bzw. der Bayern) Christen sind (wenn auch meistens lau oder nominell) - wieso soll dann die Verankerung der Gesellschaft und des Staates (bzw. die Resourcen, von denen beide leben, die sie aber selbst nicht erzeugen können) nicht mit einem christlichen Symbol ausgedrückt werden können (mit entsprechender Opt Out-Klausel).

Aber genau dadurch wird die Schärfe des Kreuzes entschärft, die Härte aufgeweicht, das Ganze passend gemacht - und das Christentum wird ganz schnell zum Bestandteil des Staates und der Gegenwart - statt sein kritisches Gegenüber. Und selbst wenn die Offiziellen aufpassen: in den Köpfen ist es so, und jede Intervention, jede Stellungnahme, die den allgemeinen Konsens stören könnte, wird instinktiv abgelehnt - von den eigenen Leuten, weil sie damit nämlich nicht isoliert werden wollen.

Und dann gibt es noch die entschärften Grundschulkruzifixen, irgendwann hatte ich bei mir mal auf einen Fall verlinkt, wo die Elternschaft schöne bunte Regenbogenkreuze anschaffen wollte...

FingO hat gesagt…

ja, das ist bspw. so ein Problem: da gibt es in moderner Zeit die Regenbogenkreuze und in früherer die Kreuze, an denen kein leidender Christus hängt, sondern ein triumphierender Christus trohnt. Beides hat jeweils eine Teilwahrheit in sich (imho letzteres Beispiel durchaus mehr als ersteres): das Regenbogenkreuz drückt in kindgerechter Sprache aus, daß im Kreuz Heil und Hoffnung ist, das Kreuz mit dem "starken Jesus" drückt aus, daß Christus eben gerade an diesem Kreuz den endgültigen Sieg gegen das Böse errungen hat.

So sehr solche Darstellungen vielleicht auch was gutes haben wollen, wird mir halt etwas mulmig dabei. Denn beide Darstellungen drücken nur eine mit dem Sündentod assoziierte Sache aus. Das Leiden unseres Herren rückt damit aus dem Blickwinkel.

Ähnliches läßt sich über die Baby-Darstellungen von Engeln sagen: letztlich sollen sie ja, denk ich mal, ihre Gotteskindschaft, Reinheit und Unschuld darstellen. Aber wenn Engel eigentlich ständig statt "Hi" den Menschen "Fürchtet Euch nicht!" sagen müssen, bevor die Menschen überhaupt zuhören können, wenn sie es mit Drachen aufnehmen etc. - dann stelle ich mir eigentlich eher Hühnen denn Babies vor.

Auch wenn ein sprechendes Baby mit Flügeln sicherlich beängstigend wirken kann.