Ich habe ein nettes T-Shirt von xkcd. Fairerweise sei gesagt, daß ich es kaum noch anziehe - nicht, weil ich was gegen Wissenschaft habe, sondern einfach, weil man meine Plautze drunter durchgucken sieht - es ist etwas eingegangen. Als Schlafanzug-Shirt taugt es aber noch.
An sich habe ich nichts gegen solche Nerdsprüche, es ist auch schön, hinten eine Boltzmann-Verteilung zu sehen. Cool, cool.
Aber irgendwie kann ich mich mit dieser Überhöhung von Wissenschaft nicht mehr identifizieren. Es gibt Gruppen auf Facebook mit Namen wie "I fuckin love SCIENCE!" und "I believe in SCIENCE" - und das finde ich Schwachsinn, mit Verlaub.
"Hurr Durr, Phil, das liegt doch nur daran, daß Du Katholik bist" - Nö, um ehrlich zu sein, eher weniger. Es liegt vielmehr daran, was man mitbekam, wenn man im Wissenschaftsbusiness (jawohl, die Wissenschaftler arbeiten seit langem nicht mehr frei in ihren Einsteintürmchen) einige Jahre gearbeitet hat; wenn man mitbekam, wie in bestimmten Forschungsgebieten - weil sie "high-impact-science" sind - extreme Low-Level-Publikationen wahrscheinlich hektarweise Regenwald in Papierform verwandeln oder zumindest wichtigen Serverspace blockieren, wenn man sieht, was für Billig-Korrelationen zu Wissenschaft gemacht werden oder wenn man einfach sieht, wie viel Show-Business in der ach so objektiven Wissenschaft (verzeihung: !!!SCIENCE!!!) vorhanden ist. Da gibt es dann "Studien" (oh Gott, don't get me started on "Studien haben bewiesen"-Artikeln!), in denen mit Statistiken auf der Basis von kleinsten Stichproben ein kausaler Zusammenhang dahergemogelt wird, subjektive Interpretation wird mit objektiver Analyse verwechselt (Balance von dynamischen Systemen wird als intelligentes Verhalten von Objekten dargestellt) - und manchmal, wenn die Nacht lang ist, fangen auch schon mal Wissenschaftler an zu träumen (Ich denke hier an einen NASA-Wissenschaftler, der sich zu Träumereien hinreißen läßt, daß vielleicht Außerirdische uns helfen, den Wahn Religion hinter sich zu lassen).
Oder mein aktueller Liebling: "Everything makes sense in the light of evolution". Ein Satz, den ich in verschiedenen Zusammenhängen - von Biologie über Sport,Lifestyle und Ernährung - gehört habe. "Everything makes sense in the light of evolution"... was sagt das genau aus? Oder anders gefragt: Für welche Formen von Denkstrukturen gilt das? Richtig: Für Religionen und Ideologien. Statt obigen Satz kann ich als Katholik behaupten "Everything makes sense in the light of Christ". Jeder Astrologe, der was auf sich hält, wird mir sagen, daß alles - zwischenmenschliche Beziehungen, Gemütszustände, die Politik und die Wirtschaft - im Licht der Sterne Sinn macht. Was lernen wir daraus? Wenn im Licht der Evolution (oder der !!!SCIENCE!!!) alles Sinn macht - ist es, als naturwissenschaftliche These, nicht wirklich brauchbar. Theorien, die an Grenzen stoßen, sind anfechtbar und damit falsifizierbar.
Hasse ich nun Wissenschaft? Nö, überhaupt nicht. Was ich liebe, was ich verehre, ist gute Wissenschaft. Gute Wissenschaft bringt die Welt voran, erweitert die Grenzen unserer Kenntnis von der Welt, bekämpft Probleme auf der Welt - wunderbar. Gute Wissenschaft wird uns helfen, unsere Energieprobleme zu lösen, uns den Flug zum Mars ermöglichen und uns erklären, warum Erdnußbutter und Schokolade so grandios zusammenpaßt. Grandios.
Gerade aber weil ich gute Wissenschaft nicht nur liebe, sondern sie für die Weiterentwicklung der Menschheit für essentiell erachte, hasse ich schlechte Wissenschaft. Deshalb bekomme ich schon bei dem Satzanfang "Studien haben bewiesen" regelmäßig einen Hals (analog bei englischen Artikeln, wenn es "Science says" heißt. Diese Dünnbrettwissenschaft, diese mangelhaften Studien, die tendenziös bis zum Umfallen sind, diese als Naturwissenschaft mißinterpretierte Ideologie sehe ich als Grund dafür, daß es nicht nur unter Christen, sondern auch immer mehr unter Atheisten Mensche gibt, die mit Naturwissenschaft nichts anfangen können. "Ja, ja, Rauchen ist gesund, gezeichnet Doktor Marlboro!", "Ist mir egal, was Wissenschaftler xyz sagt, ich halte an meiner Meinung fest", "Wie sollen Leute den Gasgehalt vom Sirius erkennen - die waren doch nie da!" - solche Sprüche kommen durch schlechte Wissenschaft auf.
Die Ablehnung von Naturwissenschaft, die sich mancherorts breitmacht, kommt durch die Überhöhung von !!!SCIENCE!!!, die von manchen Leuten betrieben wird. Leute, setzt euch für gute Wissenschaft ein, aber nicht für einen Götzen namens Wissenschaft!
2 Kommentare:
Auf die Gefahr hin, dass ich mit diesem Hinweis schlimme Dinge mit deinem Blutdruck anstelle, aber es passt gerade so schön: http://ca.news.yahoo.com/religious-people-are-less-intelligent-than-atheists--study-finds--113350723.html
Mich verwundert es immer wieder, dass so gern mit Statistik argumentiert wird, ohne Durchschnitt, Standardabweichung, Konfidenzintervall und so Kleinigkeiten überhaupt nur in Betracht zu ziehen. Aber is' ja Wissenschaft, muss also stimmen.
(Und Korrelationen als Kausalketten misszuverstehen, ist ohnehin schon Volkssport. Kann aber auch als Doping durchgehen.)
Keine Sorge, mein Blutdruck bleibt normal, ich habe vor Deiner Info schon das Rebuttal von Herrn Briggs gelesen: http://wmbriggs.com/blog/?p=8767 ;)
Statistik ist zur Zeit wahrscheinlich das am meisten mißbrauchte Werkzeug des Wissenschaftlers. Es werden auf Basis teilwese lächerlicher Stichproben Studien angefertigt, man ignoriert eben Dinge wie Standardabweichung etc und (und das finde ich eigentlich das schlimmste, hast Du ja schon gesagt): Man vermischt ständig Korrelation mit Kausalität. Man meint, durch eine statistische Studie wäre man am Ende der Forschung angelangt, dabei sollte es der Anfang sein. Statistik ist letztlich systematisierte Beobachtung, nicht Diskussion derselben.
Mich stören dabei weniger die Studien, die "belegen" Religiöse wären blöd (nebenbei gesagt: Tolle These, Atheisten gegen Katholiken, andere Christen, Moslems, Hindus, Islamisten, Juden, Animisten, Shintos und was es nicht sonst an religiösen Leuten gibt auszuspielen), mich stört vielmehr, daß durch solche halbgaren Studien letztlich Wissenschaft zerstört wird. Und leider sind Pop-Atheisten nicht die einzigen, die solche Studien machen, es ist, wie Du sagst, ein Volkssport. Vor kurzem las ich, daß eine Studie ergab, daß Katholiken besseren Sex hätten. Die wenigen Buchstaben unseres Alphabetes reichen nicht aus, umd zu sagen, wie peinlich das ist.
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