Ich orientiere mich mit dem Titel lose an einem Artikel von Josef Bordat bzw. an einem Tagesspiegel-Artikel von einem Bildungsinformatik-Professor. Ich habe jetzt nicht vor, auf beide Artikel Punkt für Punkt einzugehen, sondern habe das als Anlaß genommen, einen Kommentar zum Thema Wissenschaft und Glaube zu schreiben, der mir seit langem im Geist herumspukt.
Man bemerke, daß ich eben nicht "Wissenschaft versus Glaube" schrub, denn ich vermute, daß hier ein großes Verständigungsproblem vorliegt. Dieses Problem zeigt sich in drei falschen Grundannahmen. Es ist hier nicht der Platz, den Verantwortlichen zu benennen (und ich weiß es auch nicht), es zeigt sich jedoch, daß der Atheismus davon Hauptprofiteur ist.
1.) Die erste Annahme ist, daß es im Streit zwischen Theismus und Atheismus um einen Streit zwischen der These, es gebe Gott und der These, es gebe ihn nicht gehen würde (blöd ausgedrückt, was ich meine, ist, daß diese Trennlinie etwas ausblendet, was ich nun klarmachen will). Ein naturwissenschaftlicher Atheist wird mit mir daran glauben, daß es eine absolute Wahrheit gibt, ja, man kan sogar sagen, daß selbst der Agnostiker oder der Relativist an eben eine absolute Wahrheit "glaubt": Daß es eben diese nicht gibt (Was dann Naturwissenschaft soll, ist eine andere Frage, sie ist dann letztlich zum Ingenieurstum und zu temporären Lösungen verdammt). Die Trennlinie zwischen Atheismus und Theismus ist also, ob dieser Urgrund der Wahrheit persönlichen Charakter hat und mit den Menschen in einem Austausch gibt - eine These, die der Atheist verneint, speziell der Christ jedoch bejaht. Die Absolute Wahrheit selbst, jedenfalls das, was über das Universum davon zu erkennen ist, ist für beide dieselbe.
Und hier zeigt sich jedoch dann auch der Streitpunkt, der diskutiert gehört: Christus ist auferstanden. Ist er das? In Gebeten werden Menschen erhört, fühlen sich zu Gott hingezogen. Oder tun sie es nicht? Und hier gilt der Vorwurf nicht, daß, wenn das Christentum recht hätte, ein Hinduist beim Gebet zu Vishnu keine Chance hätte; die Kirche lehrt nicht umsonst etwas von den "Anteilen der Wahrheit". Es ist also nicht darüber zu diskutieren, ob "in der naturwissenschaftlichen Welt noch Platz für Gott sei", sondern wer oder was dieser Gott ist, den durch die Jahrhunderte hinweg Menschen erlebten.
2.) Ich weiß nicht, wann der Eindruck aufkam, daß Wissenschaft gegen Gott arbeiten würde. Ich weiß nicht, ob es die teilweise doch etwas mißverstandene Haltung der Kirche, eine antiwissenschaftliche Position so mancher religiösen Person oder ein Schachzug der Atheisten war, jedenfalls ist er falsch. Wenn man an eine absolute Wahrheit glaubt, und das tun wir Christen, ist die Erforschung dieses Universums uns kein Feind, sondern geradezu eine heilige Aufgabe. Sicherlich mag die Offenbarung dadurch auch spezifiziert werden, man wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse Dinge besser in Worte kleiden können, aber ein Widerspruch ist schon durch die Definition, daß eben Gott die Wahrheit ist, nicht gegeben. Dasselbe gilt natürlich auch für den Atheisten, der diesen Urgrund der Wahrheit eben keinen Gott zufügt: Auch ihn werden die Erkenntnisse der Naturwissenschaft nie stören, denn er ist auch auf der Suche nach der absoluten Wahrheit.
Schön merkte man das im Zusammenhang modernerer Ideen, was die Kosmologie betrifft, daß das Universum aus einer Quantenfluktuation entstanden sein kann. Ist es nicht schön, daß wir inzwischen so weit sind, uns über den Schöpfungsakt selbst Gedanken machen zu können? Ich frage mich ernsthaft, was ein Atheist erwartete, wenn er nun darob triumphiert, daß am Ende seiner Gleichungen kein Gott steht. Natürlich tut er das nicht, denn diese Schöpfung ist in sich konsistent!
Es sei auch darauf hingewiesen, daß frühere christliche Theologen kein Problem mit einem statischen Universum, d.h. einem Universum, daß letztlich durch seine Ewigkeit der biblischen Überlieferung bei fundamentalistischer Interpretation widerspricht, hatten. Ich glaube, es war der Hl. Thomas von Aquin, der sagte, daß lediglich wichtig sei, daß die Welt geschaffen wurde.
Was sagt er damit aus? Er zieht eine deutliche Trennlinie zwischen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis der damaligen Zeit und der geisteswissenschaftlichen Definition der Grundursache des Universums. Und hier kommen wir zu einem dritten Punkt.
3.) Ich bin leider kein Profi auf dem Gebiet der Philosophie und hoffe, daß mir der werte Josef Bordat hier etwas Input gibt, jedoch scheint mir, daß oft von verschiedenen Seiten aus geisteswissenschaftlichen Definitionen naturwissenschaftliche Prämissen gemacht werden. So stellt man sich die Seele wie ein weißes Leuchten im Körper vor, um es mal wirklich plump in Worte zu fassen, man meint, der Bibel widersprechen zu können, indem man einen naturwissenschaftlichen Befund gegen eine fundamentalistische Interpretation des ersten Kapitels der Genesis ausspielt (ein Schachzug, der sich schon dadurch verbietet, daß die Schreiber der Heiligen Schrift selbst die Schöpfungsgeschichte deuteten, das heißt, eben nicht wortwörtlich für wahr hielten). Und hier findet wieder eine Kompetenzüberschreitung statt. So wird dann beispielsweise auch gegen den Freien Willen der Determinismus der Naturwissenschaft ausgespielt (oder Leute suchen in der Heisenbergschen Unschärfe bzw. in der Kopenhagener Deutung der Quantentheorie ein letztes Refugium für den Freien Willen, eine These, die ich nicht teile). Da werden doch wirklich Äpfel mit Marmelade verglichen oder so. Der Mensch selbst nimmt sich als freies Wesen an, egal, ob ein Determinismus, chemische Reaktionen im Hirn oder die Omnipotenz Gottes zusätzlich real sind.
(NACHTRAG HIER: Es gibt schon eine wichtige Implikation, die darauf hindeutet, daß Freier Wille mehr als chemische Implikationen ist. Nach unserem Weltbild schuf Gott den Menschen mit Freien Willen, sich für oder gegen ihn zu entscheiden. Wenn alles nur chemische Reaktionen wären, hätte Gott de facto Menschen für die Hölle geschaffen. In der Hinsicht muß aus christlicher Sicht mehr da sein. Trotzdem bleibt bestehen, daß man dieses "mehr" nicht mit Mitteln der Naturwissenschaft finden muß, da es eigentlich per definitionem außerhalb desselben steht. )
In der Hinsicht denke ich, daß die Überhöhung der Naturwissenschaft, die (interessanterweise selten von Naturwissenschaftlern) heutzutage oft praktiziert ist, weniger ein Angriff auf den Glauben als ein Angriff auf die Philosophie selbst ist. Definitionen wie "Freier Wille", "Moral", "Schöpfung", "Schönheit", "Hoffnung" gehen verloren, wenn man sie versucht, auf Quantenfluktuationen zurückzuführen. So sehr ich solche Forschungen sinnvoll finde, gehen sie letztlich an der Sache ähnlich vorbei wie eine Audioanalyse von "Jesus bleibt meine Freude".
Was ist also zusammenfassend zu sagen? Man sollte, bei aller Erkenntnis der Naturwissenschaft, nicht an philosophische Denkmodelle mithilfe der Naturwissenschaft herangehen, bzw wissen, daß man diese damit nur aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet. Dasselbe gilt auch umgekehrt. Ehrliche Atheisten wie auch ehrliche Theisten, die nach genauerer Erkenntnis nach der Wahrheit streben, können sich gemeinsam an der Welt erfreuen, denn diese Welt ergibt ein ganzes und ist real. Und zum Abschluß sollten vielleicht Christen lernen, daß man nicht hinter einer Lücke in der Naturwissenschaft Gott vermuten muß; eine Lücke in der Naturwissenschaft ist zuallererst ein ungeklärtes Problem. Letztlich zeigt schon die Erkenntnis, daß es eine Lücke in der Naturwissenschaft ist, daß man diese mithilfe von experimentellen Methoden oä schließen können wird. Gott jedoch, ähnlich wie Schönheit, Geist, Hoffnung, Moral, zeigt sich nur begrenzt mit naturwissenschaftlichen Methoden, ähnlich wie eine wunderschöne Arie seine das Harz berührende Schönheit kaum durch eine Klanganalyse zeigt.
2 Kommentare:
Danke, lieber Phil, für Deine Gedanken! Das Thema aus der Sicht eines waschechten Naturwissenschaftlers diskutiert zu sehen, ist eine Bereicherung!
Zu dem dritten Punkt: Es ist so, dass wir in der Philosophie über Grenzfragen sprechen, über Dinge, für die es keine begriffliche Klarheit gibt – daher ja auch der Streit über Sachen wie „Gerechtigkeit“, „Wahrheit“ etc. Dazu kommen religiöse Vorstellung, die jeder sprachlichen Beschreibung spotten, aber dennoch von der Philosophie behandelt werden wollen. Dazu gehört z.B. „Seele“. Über die Seele zu diskutieren, bedeutet immer, das Unsagbare zu sagen. Wenn wir trotzdem darüber reden wollen, müssen wir das im Hinterkopf behalten, sonst wird das Bild schnell zur Falle.
Man kann natürlich die Begriffe reduzieren, um sie naturwissenschaftlich diskutabel zu machen („Seele“ wird dann zu „Bewusstsein“, biologisch nachweisbar über die Gehirnaktivität). Das ist dann verhandelbar. Hirnstrom fließt, Hirnstrom fließt nicht – das kann man messen. Es blickt, es denkt. Dann kommt man aber im Rückschluss leicht auf so absurde Ideen wie die, dass die Seele ja nicht unsterblich sein kann, weil man beim Toten keinen Hirnstrom mehr zu messen in der Lage ist. Hier entpuppt sich die Reduktion als Falle.
Diese Tendenz zur Reduktion ist derzeit gegeben. Sie geht vielleicht nicht von den Philosophen aus, wird aber oft von ihnen dankbar aufgenommen, in der Hoffnung, damit ein Stück weiter zu kommen als in den letzten 2500 Jahren. Oder aber wenigstens noch ernst genommen zu werden, Fördergelder zu erhalten etc. Der neue Bruch ist also weniger einer zwischen Geistes- und Naturwissenschaft (das ist der Basiskonflikt), sondern zwischen einer Philosophie, die sich der klassischen Metaphysik verpflichtet weiß, und einer Philosophie, die sich weiträumig naturwissenschaftlichen Zugängen und Ansätzen öffnet, was manchmal für meine Begriffe mit einer – zumindest für Philosophen – erstaunlichen Kritiklosigkeit geschieht.
Das nur als Ergänzung.
LG, Josef
Das fatale an dieser Entwicklung ist, daß aus wirklicher Philosophie "Meinung" wird. Meinung, über die man sprechen kann, die, da Meinung, von jeglichen Konsequenzen in der realen Welt entkoppelt ist ("wir können ja nichts dafür, wenn jemand das ernst nimmt")
Chesterton macht das amüsant im Buch "Heretics" klar:
"At any innocent tea-table we may easily hear a man say, "Life is not worth living." We regard it as we regard the statement that it is a fine day; nobody thinks that it can possibly have any serious effect on the man or on the world. And yet if that utterance were really believed, the world would stand on its head. Murderers would be given medals for saving men from life; firemen would be denounced for keeping men from death; poisons would be used as medicines; doctors would be called in when people were well; the Royal Humane Society would be rooted out like a horde of assassins. Yet we never speculate as to whether the conversational pessimist will strengthen or disorganize society; for we are convinced that theories do not matter."
Das Beispiel ist noch recht amüsant, wenn wir aber an das "after birth abortion"-Paper denken, ist die Realität hinter diesem Grundsatz "Theories do not matter" deprimierend verrückt.
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