Samstag, Februar 23, 2013

Zur Pille danach

Herr Reder bat in einem Artikel in der Tagespost um etwas mehr Sachlichkeit bei der Debatte um die nicht nidationshemmende Pille danach (TM). Zum einen muß ich gestehen, daß ich einen Artikel, der von "ausgesprochenen dümmlichen Lesarten" spricht, und das auch noch "höflich formuliert", leistet, nicht ganz hilfreich bezüglich einer Versachlichung der Debatte finde, aber das ist in Ordnung. Das Thema ist von beiden Seiten ein Thema, was Herzen berührt, dementsprechend schwingen Emotionen mit.

Ich kann dementsprechend auch leider keine sachliche Antwort liefern, möchte jedoch einige Punkte niederschreiben und über sie meditieren.


Erstens: "Eine „Pille danach“, die nicht nidationshemmend wirkt, kann nach einer Vergewaltigung zum Einsatz kommen." Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß in bestimmten Fällen Verhütung erlaubt ist. Soweit ich informiert war - da darf man mich korrigieren - ist die Haltung der Kirche zur Verhütung eindeutig. Sicher, man betont die Fälle in Kenia - aber bitte, es gibt auch menschlich berechtigte Fälle, seinem Gegenüber eine zu knallen, was aber trotzdem moralisch nicht einwandfrei ist.
Was ich sagen will: Der einzelentscheid ist etwas anderes als eine Pauschalaussage der Kirche. Sicherlich kann jemand gute Gründe für eine Ohrfeige haben, und es kann sicherlich auch sein, daß Gott diese teilt, aber die Kirche kann nun keine Pauschalregel "Ohrfeigen sind bei diesen und jenen Beleidigungen erlaubt" geben.

Drittens: "Kein Arzt soll etwas tun, was er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann. " Nichts für ungut, aber das Kriterium ist zu lasch. Wenn man mein obiges Ohrfeigenbeispiel zur Rate zieht - ja, gerade im politischen Tagesgeschäft gibt es Personen, bei denen ich eine nicht verpasste Ohrfeige nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann (polemisch gesagt). Jedoch ist nicht mein Gewissen, sondern die christliche Morallehre das Maß, an dem ich mein Verhalten messe. Gott richtet, nicht ich.

Viertens: Zum Thema Gewissen: Das ist schon jetzt so. Wenn ein Arzt es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, einer Frau keine Pille zu geben, konnte er schon vorher es entweder unterm Tisch machen oder sagen, wohin sie gehen kann.
Ich betone hier letzteren Schritt; der Arzt konnte bewußt sagen "hier kann ich guten Gewissens nicht dem Kirchengebot folgen". Er kann auch immer noch sagen "das werde ich im Schlimmsten Fall mit dem Lieben Gott selbst einst ausdiskutieren müssen".

Fünftens: Zum Gewissen noch einmal. Wie konkret hat man sich das vorzustellen? Es wird also betont, daß ein Arzt immer noch die Freiheit hat, diese Pille nicht zu geben.
Spielen wir diesen Gedanken mal an dem Fall, der den Stein ins Rollen brachte, durch: Sagen wir also, man hätte Ärzte gefragt, die es nicht mit ihrem persönlichen Gewissen hätten vereinbaren können - ihrem durch den Glauben geformten Gewissen - der Frau diese Pille zu geben. Was wäre der Mehrwert für die Kirche daraus gewesen? Entweder - wenn die Formulierung, daß es jedem Arzt weiterhin freistehe, dagegen zu sein - wäre dieser gleich null gewesen oder die freie Entscheidung des Arztes ist eine Lüge. Dann nämlich hätte man sagen können, daß die Kirche ja nichts dagegen hätte, nur die doch etwas antiquierte Ansicht des Fachpersonals wäre halt im Wege gestanden. Das wäre so, als hätte ein Arzt, der Zeuge Jehovas ist, einem Patienten die Bluttransfusion verweigert.

Sechstens: Es wird betont, daß die ovulationshemmende Wirkung natürlich nur im Fall einer Vergewaltigung angeboten werde. Das ist doch ein komischer Schnitt. Ja, es wird zu recht betont, daß eine vergewaltigte Frau vielleicht den psychologischen Druck nicht aushalten kann, dieses Kind zur Welt zu bringen (wobei diese Formulierung ja inkorrekt wäre, denn das Kind ist ja noch nicht entstanden). Aber was ist mit einer Frau, die unheilbar krank ist? Mit einer, die weiß, daß ihre Kinder höchstwahrscheinlich behindert sein werden? Was ist mit dem Ehepaar, daß meint, ein Kind zu diesem Zeitpunkt würde leiden? Lange Rede, kurze Frage: Warum dann nicht  gleich diese nur ovulationshemmende Pille danach für alle erlauben?

Siebtens: ich frage mich bei der ganzen Debatte, ob es wirklich die Berufung von uns Christen ist, im Zweifelsfall eine Verhütung vorzunehmen. Ganz pluralistisch gesagt gibt es dafür eine Unmenge anderer Positionen. Sollte die Kirche nicht eher für das Leben an sich stehen? Damit meine ich nicht nur für ein potentiell Ungeborenes. Sollte die Kirche nicht generell einem Vergewaltigungsopfer zur Seite stehen? Ihm zeigen, daß Gott, der Gott, der am Kreuz gestorben und in die Hölle niedergefahren ist, in der Finsternis Licht schenken kann? Daß gerade das werdende Kind - mit guter psychologischer und seelsorgerischer Begleitung - dabei helfen und dieses Licht Gottes sein kann?
Des weiteren: Diese Debatte um eine Pille danach, die ovulationshemmend wirkt - ist das wirklich das Ziel christlicher Seelsorge? Was sagt man einer Frau, wenn das Ei sich schon eingenistet hat? Was einer Frau, die mehrere Wochen (letztlich schon eine Woche) nach der Vergewaltigung, nach vielen persönlichen Krisen, vielen Schreien zum Allmächtigen in der Nacht, nach vielem Nachdenken zu dem Schluß gelangt, daß sie das Kind nicht annehmen kann? Sagt man dann ehrlich (polemisch gesagt) "Es tut uns leid, daß Sie sich für diese Entscheidung, so schwerwiegend sie auch ist, so viel Zeit gelassen haben. Nun müssen Sie aber das Kind zur Welt bringen"?
Wichtiger ist doch, daß man einer Frau, die vergewaltigt wurde, in jeder Situation zur Seite steht (wie auch einem Mann, einem Mädchen oder einem Jungen). Der Frau kurz nach der Vergewaltigung. Der Frau, die Schwierigkeiten hat, das entstehende Leben anzunehmen. Der Frau, die abgetrieben hat. Der Frau, die schwanger ist. Der Frau, die das Kind zur Adoption geben will. Der Frau, die das Kind zwar liebt, aber der die Vergewaltigung die Beziehung schwer macht. Das alles ist "pro life" - nicht die Ausstellung einer einzigen Pille.
Versteht mich bitte nicht falsch, ich verstehe diesen Vorstoß einfach nicht. Ich kann nicht wirklich erkennen, was positiv sein soll. Vielleicht bin ich zu idealistisch, wer weiß, aber die Antworten der Kirche müssen doch anders sein.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich verstehe diese Entscheidung auch nicht. Meines Wissens verhält es sich nämlich so:

Der Wirkstoff Ulipristal kann bis zu fünf Tage nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden, dabei muß allerdings ausgeschlossen werden, daß bereits eine Schwangerschaft besteht. Wie man das mit Sicherheit ausschließen soll, ist allerdings schleierhaft. Stäbchentests können sinnvoll erst vierzehn Tage nach dem Geschlechtsverkehr ein Ergebnis zeigen, und Bluttests sind in den ersten fünf Wochen unsicher. Ultraschall ist erst ab der sechsten Woche aussagekräftig. Zwischen Geschlechtsverkehr und Befruchtung liegen meist weniger als fünf Tage. Mithin ist der Hinweis, daß Ulipristal bei einer bestehenden Schwangerschaft nicht eingenommen werden darf, sinnlos.

Levornorgestrel soll spätestens drei Tage nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Es steht im Ruf, den Eisprung zu verhindern, eine bestehende Schwangerschaft aber nicht zu gefährden. Allerdings gibt es auch die begründete Annahme, daß es keineswegs die Ovulation, sondern die Nidation verhindert. Mit anderen Worten: Ob Levornorgestrel die Schwangerschaft verhindert oder abbricht, weiß man nicht so genau. Damit ist auch unklar, ob die freie Verkäuflichkeit in Deutschland gegen geltendes Recht verstößt oder nicht.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Zu sechstens: M.E. übersiehst Du den wesentlichen Unterschied zwischen dem einvernehmlichen Vollzug der Ehe (da gehört nach katholischer Morallehre die Sexualität und die Zeugung von Nachkommenschaft hin) und einer -- wie das Wort schon sagt: erzwungenen -- Vergewaltigung. Ungleiches ist ungleich zu behandeln.

Und im ganzen scheinst Du mir einen sehr scharf zu ziehende Grenze mal in die eine, mal in die andere Richtung überschreiten, jedenfalls total zu verwischen: Nach der Verschmelzung von Ei und Samenzelle ist in der moralischen Entscheidung ein zweites menschliches Leben zu berücksichtigen. Das ändert alles, weil dann eines der betroffenen Güter ein fundamentaler Wert, nämlich das Leben selbst ist.

FingO hat gesagt…

Herzlichen Dank für den ersten Punkt, über den werde ich meditieren.

Den zweiten kann ich nicht ganz nachvollziehen. Falls der Eindruck entstanden ist, ich will den Beginn des Lebens relativieren, tut es mir leid.