Montag, Mai 21, 2012

Dante und das Große im Kleinen

In einem Brief an Charlotte und Denis Plimmer am 8.2.1967 kommentierte Tolkien die letzte Fassung eines Interviews, daß er ihnen für das Daily Telegraph Magazine gab. In diesem Interview fragten sie ihn nach seiner Haltung zu Dante. Im Originalinterview antwortet Tolkien recht brüsk:

Dante ... reizt mich nicht. Er ist voller Tücke und Gehässigkeit. Seine kleinlichen Verhältnisse mit kleinlichen Menschen in kleinlichen Städten sind mir egal.


Diese Meinung revidiert Tolkien ein wenig im Kommentar (gottlob!):

Mein Ausbruch gegen Dante war allzu unbändig. Ich träume nicht ernstlich davon, an Dante gemessen zu werden, einem erhabenen Dichter. Zu einer Zeit haben Lewis und ich uns öfter Dante vorgelesen. Ich war eine Zeit lang Mitglied der Oxforder Dante-Gesellschaft ... Richtig bleibt, daß ich die "Kleinlichkeit" von manchen Stellen, von der ich sprach, als einen traurigen Makel empfand.


Dieses Ablehnen der Kleinlichkeit paßt natürlich zu Tolkien und seinem Mythos. Auch wenn man natürlich die Frage nach den Hobbits stellen kann meint er, denke ich, eher eine kleinstädtische Mentalität. Das Banale an so manchen Charakteren in Dantes Hölle etc. stört ihn anscheinend. Da sind dann Händler, Politiker, janz normale Menschen in Hölle, Fegefeuer und Himmel. Und Janz normale Leute sind, egal wie klein und gutbürgerlich sie sind, die Hobbits nicht; letztlich sieht man in den Hobbits eine gewisse romantische Vorstellung von ruhigem Leben, wie es bspw in Small is beautiful von Schumacher ein wenig Gestalt findet (oder an das Catholic land movement). So stark btw., daß einige Leute im Internet durchaus nach der Verbindung Distributismus (oder Agrarianismus) - Tolkien fragten.

Aber das unterscheidet sich natürlich vom kleinstädtischen, krämerischen so mancher Händler in Dante! Die sind so... banal!

Und hier denke ich übersieht Tolkien etwas großartiges an Dantes göttlicher Komödie: Diese kleinen Leben, dieser banaler Alltag der einzelnen Charaktere sind die Bausteine, aus denen das grandiose Jahrtausendwerk von Dante zusammengesetzt ist. Letztlich ist das doch eine schöne Botschaft für uns: Ich der Physiker (oder eher der, ich wag es kaum auszusprechen Physikalische Chemiker, wie banal ;) ), Du, der Leser, was immer Du machst, wir alle sind Teil des noch viel größeren Epos! Nein, wir schreiben mit Gott diesen Epos mit, der in seiner Gesamtheit unvorstellbar viel größer und gewaltiger wird als die göttliche Komödie!

Letztlich erinnert das doch auch an Dinge, die Franz von Sales und Josemaria Escriva über das alltägliche Leben sagten. Mir jedenfalls half Dantes göttliche Komödie zu sehen, an was für einem gewaltigen Spektakel ich teilnehme, wenn ich ohne Murren das Geschirr abwasche, um es mal platt auszudrücken.

Bleibt mir nur noch, auf einen meiner Meinung nach schönen Artikel über die göttliche Komödie auf word on fire hinzuweisen.

1 Kommentar:

Ex hat gesagt…

Die Göttliche Komödie ist ein schwieriges Werk und auch schwer zu lesen.
"Herr der Ringe" liest sich da leichter.
Ich habe es jetzt 3 mal versucht und beim ersten Mal habe ich in der Hälfte der Hölle aufgegeben, beim zweiten mal bin ich bis zu Luzifer gekommen und beim dritten Mal habe ich den Läuterungsberg halb erklommen.
Nachdem mir das Werk von Guradini "Dantes Göttliche Komödie: Ihre philosophischen und religiösen Grundgedanken" die Finger gekommen ist, hoffe ich beim 4ten Versuch im Pardiso zu landen.