Montag, Januar 13, 2014

Über das Wesentliche im Glauben

Vor kurzem hat Papst Franziskus den Titel des Monsignores mehr oder weniger abgeschafft. Ein Aspekt kam bei der Diskussion desöfteren zur Sprache : Ist es denn notwendig? Braucht es denn so einen Ehrentitel?

Diesen Punkt fand ich interessant, denn die Frage nach dem "wesentlichen" kommt häufig auf, sowohl im Glauben als auch in anderen Themen. "Braucht" man denn überhaupt Dinge wie  Sedenionenalgebra, Zeuhl oder fünflagiges Toilettenpapier? "Braucht" man smells and bells, Lobpreis, gregorianische Choräle - oder eben den Titel Monsignore? Ist er wirklich wesentlich?

Und provokant gesagt: Ja, ich stimme einigen Leuten zu, daß, zumindest kurz betrachtet, der Titel des Monsignores nicht wesentlich ist. Er hat nichts mit einer neuen Weihestufe zu tun, so what. Sollte man den Titel deshalb streichen?

Sicherlich, man könnte vieles streichen, was unwesentlich ist. Um jedoch zu verstehen, was Wesentlich ist, sollte man das Wesen, über das man spricht, definieren, im konkreten Fall den Glauben an den lebendigen, dreifaltigen Gott. Ich möchte gerne an dieser Stelle dazu möchte ich gerne etwas ausholen und erklären, was für mich allgemein ein wesenticher Aspekt desselben ist, man verzeihe mir.

Was ist denn "wesentlich"? Betrachten wir eine Kathedrale: Ok, der Altar sollte gut aussehen und ordentlich sein - es wird ja das Meßopfer hier gefeiert. Ja, klar, auch alle Seitenaltäre, vielleicht wird ja doch mal wieder eine Messe dort zelebriert. Die Glasfenster, ja, klar, Katechese des kleinen Mannes, was man dort oben sieht! Aber muß wirklich alles bis zur obersten Kirchturmspitze so wunderbar ausklamüsert sein? Natürlich, wird man sofort antworten, denn Gott sieht auch diese. Ich glaube jedoch nicht, daß diese "Gott sieht alles"-Logik der einzige Grund dafür is und möchte das näher ausführen.

Sehen wir uns deshalb den Menschen an, Gottes höchste Schöpfung: Er ißt, trinkt, schläft, überlebt, schließt sich zu Gemeinschaften zusammen, um das essen, trinken, schlafen (oh, ja, auch miteinander, knickknack) und überleben zu vereinfachen. So weit, so wesentlich. Die absolute Wahrheit der Existenz Gottes vorausgesetzt tut er auch wesentliches, wenn er betet, Opfer darbringt und sich an die Gebote hält. Würde er es nicht tun, würde er seiner Bestimmung schaden.

Er macht noch mehr: Er malt, dichtet, musiziert, tanzt, lacht, schreibt die krudesten Formeln an die Tafel... er spielt. Vieles davon, gerade die Formeln, könnte man als wesentlich abtun: Natürlich ist es zum überleben wichtig, zu wissen, wo ein nach oben geworfener Stein landet (je nach Wurfwinkel also schiefer oder senkrechter Wurf). Aber ist es wirklich wesentlich, sich über unvorstellbare mathematische Konstrukte wie Grahams Zahl Gedanken zu machen? Ist es wesentlich, wie Bull of heaven ein Ambient-Stück zu entwerfen, was man gegebenenfalls 10 Mrd Jahre spielen könnte? Die höchste Entwicklungsstufe des Homo sapiens ist der homo ludens, der Mensch, der am meisten zur Kultur beitrug, war nicht der, der sich nur auf das Wesentliche beschränkt hat.

Als guter(?) Physiker blicke ich natürlich auch gerne in unsere (nicht menschliche) Welt und sehe weniger eine in sich immer gute, "funktionierende", aber viel mehr eine wunderbare Welt. Eine Welt, in der Supervoids, Quasare, Quasistationäre Begleiter, Mücken, Nandus, Schnabeltiere, Tauonen und Neutrinos (Aufzählung unvollständig) ihren Platz haben.

In dieser Aufzählung ineressieren mich jetzt gerade die Mücken: diese kleinen Blutsauger, die ein Sekret in unsere Blutbahn pusten, was zu juckenden Pusteln führt und nervig summend umherfliegen. Sagen wir es also zusammen: In dieser Welt gibt es Viecher, die nicht nur Blut rauben - Lebenssaft, meine Damen und Herren! -, die nicht nur dafür sorgen, daß wir noch Tage später über den Mückenstich herumfluchen, sondern ansonsten uns noch das Schlafen mit ihrem penetranten Gesumme unmöglich machen!

Und diese Kreaturen hat Gott so sehr geliebt, daß er sie erschaffen hat. Und nicht nur die; mannigfaltigst hat er die Erde mit Tieren beschenkt, hat mit Wasser einen Stoff geschaffen, der in, wenn ich mich recht erinnere, dreißig verschiedenen Phasen existieren kann (darunter eine ultrakalte flüssige Phase, in der Wissenschaft als WaterA bekannt), hat nicht nur Sterne an den Himmel geworfen, sondern ihn über und über bedeckt. Er sah die Mücke und sah, daß es gut war.

Diese Welt hat Gott so wunderbar geschaffen. War er hier rein funktional? Soweit wir es mit unserem begrenztem Verstand begreifen können: Nein. Mit Gottes Schöpfung verbinde ich eher Reichtum, Schönheit, und sogar Humor: Tiere wie Koalabären, die derart penibel nur an bestimmten Eukalyptusarten knabbern, kann weder ein survival of the fittest noch ein reines auf Pragmatismus ausgelegtes Intelligent Design, jedoch eine Liebe zum Seltsamen erklären.

Unser Gott ist ein Gott der Fülle, der Reichhaltigkeit. Das ist meiner Meinung nach eine Wesentliche Wahrheit bezüglich des Allmächtigen und Allliebenden Vaters. Wie Liebende weniger die Rechnung des ersten Dates - na, wer hat wieviel gezahlt? -  als den (noch um drei Uhr morgens schnell aus einer Ahnung zusammengefalteten) Origami-Kranich, den Mann an den Platz der Frau stellte, behalten, ist unser Gott eben auch einer, der Dinge, die mit pragmatischen Blick beurteilt, schätzt.

Warum erzähle ich das alles? Weil ich, ich als Laie, der niemals den Drang verspüren wird, Monsignore zu werden, eben aus diesem Grund Dinge wie unsinnige Titel, wie rote Schuhe, Weihrauch bis zum Abwinken etc pp für den katholischen Glauben als genauso wesentlich erachte wie Caritas und korrekte Glaubenslehre.

Ich denke halt, daß eben diese Mannigfaltigkeit, diese Vielfältigkeit, die Spannbreite der Kirche zwischen Bettelmönchen und Protz und Prunk, daß das für den mystischen Leib Christi wesentlich ist, damit in der Kirche Gottes eben jene vorher diskutierte Fülle auch zum Ausdruck kommt.Und ich denke nicht, daß wir uns Menschen einen großen Gefallen tun, wenn wir uns auf das Wesentliche beschränken.

4 Kommentare:

haupz hat gesagt…

Das ist eine schöne Apologie mit weiter Ausschweifung. :-)

Dass dem vordergründig Unwesentlichen eine gewisse Rolle zu eigen ist, ist unbenommen, und allein aufgrund eines Mangels an Wesentlichkeit sollte man es nicht abtun. Aber was ist, wenn das Unwesentliche-und-dennoch-Wertvolle so sehr betont wird, dass es künstlich in den Vordergrund gerückt und zum Selbstzweck erhoben wird?

Über die genauen Gründe Papst Franziskus' für die Einschränkung (nicht Abschaffung!) der Vergabe von Ehrentiteln (Kuriale und Priester ab 65 können den Titel "Monsignore" sehr wohl noch erlangen) kann ich nur spekulieren, aber das Vorgehen könnte im Einklang stehen mit seiner oftmals ausgedrückten Absicht, Bescheidenheit mehr zu betonen. In dem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass er einem gewissen Karrierismus unter Priestern - nicht zu Unrecht - kritisch gegenüber steht. Geht es nur um der Titel willen um das Erlangen von Titeln, ist was faul.

Das Unwesentliche zu schätzen, passt. Dem Unwesentlichen eine zentrale Bedeutung zuzuschreiben, nicht.

http://kath.net/news/44369

FingO hat gesagt…

Lieber haupz, letztlich machst Du aber gerade den Fehler, den Du den Leuten, die den Titel Monsignore gerne erhalten hätten, unterstellst: Du überbetonst den Aufhänger dieses Artikels. Wie ich geschrieben habe war diese aktuelle Geschichte nur ein Aufhänger für etwas generelles.

Aber gehen wir kurz darauf ein: Man hätte den Titel gegen Karrierismus nutzen können, hätte man auch mal einen einfachen Landpfarrer zum Monsignore ernannt. Das wäre dann auch ein Zeichen gewesen, daß Gott sich dem Kleinen, Unscheinbaren widmet. Es wäre ein wunderbares Zeichen gewesen.

Es ist ähnlich wie die prima-fila-Kandidaten bei einer Audienz: Es wäre durchaus mal ein Zeichen, mal (nicht immer) Leute in den hinteren Reihen den Genuß von ein paar Sekunden Schwatz mit den Heiligen Vater zu schenken. Eine Analogie zur entstandenen starken Einschränkung wäre es, wenn man nun nur noch einmal im Jahr diese Begegnungsmöglichkeit einräumen würde. Für Rentner und Kuriale Mitarbeiter. Nichts für ungut und bei allem Respekt gegenüber unserem Heiligen Vater, aber dann den Ehrentitel gerade für Kuriale zu lassen ist auch nicht gerade zielführend. Jetzt weiß halt ein titelgeiler Priester, daß er bis 65 warten oder in die Kurie muß.

Außerdem verstehe ich eine Sache nicht: Haben denn vorher alle Priester, die Du gekannt hast, über den Titel "Monsignore" geredet? Ich kann mich nicht erinnern und sehe dementsprechend keine Überbetonung. Diese Überbetonung entstand durch die Einschränkung.

FingO hat gesagt…

Ich habe gerade gesehen, daß nicht wirklich herauskam, daß ich die Causa Monsignore nur als Aufhänger nutzen wollte. Sorry diesbezüglich und falls der Ton im Kommentar arg scharf herüberkam.

haupz hat gesagt…

Ja, ich war doch etwas verwundert ob der unerwartet scharfen Entgegnung. Eines Fehlers in dem Zusammenhang bin ich mir wirklich nicht bewusst.

Tatsächlich habe ich mich mit noch keinem Priester über irgendwelche Ehrentitel unterhalten - aber auch deswegen, weil dergleichen in Gesprächen, die ich mit Priestern führe, in der Regel schlicht kein Thema ist. Überbetont wird das ohnehin vielleicht eher in Gesprächen "Betroffener" untereinander.