Montag, Januar 13, 2014

Die digitale Kränkung des Sascha Lobo

Sascha Lobo, seines Zeichens "Internetexperte" und selbsternannter Digital Native, hat in der Faz ein Lamento ob seines sterbenden Traums namens Internet verfasst. Der Artikel wird so wichtig genommen, daß man jüngst auch gleich auf wikipedia schrub:
Januar 2014 kann als Zeitpunkt für eine Zäsur einer bis dato grundsätzlich aufgeschlossenen Haltung Sascha Lobos zum Internet gelten, als er die Globale Überwachungs- und Spionageaffäre rund um den NSA zum Anlass nimmt, festzustellen: "Das Internet ist kaputt!"

Ich will jetzt nicht zuviel spoilen, aber insgesamt läßt sich mMn der Artikel mit den Worten "mimimi, NSA, mimimi" gut zusammenfassen.

Aber ich gehe mal ins Detail, um zu sagen, was mich an dem Artikel stört:

1.) Ein Geheimdienst hört ab. WOWZER, NEWSFLASH!
So sehr ich von dieser Praxis kein Freund bin, war das nicht die große Neuigkeit des Snowden-Skandals, sondern die Details, die damit ans Licht kamen.

Schon vor dem 11.9.2001 gab es zwischen mir und Freunden den running gag, jedes Gespräch mit "Atombombe, New York, Drogen, Hitlers Stützpunkt, Allahu Akbar" zu beginnen (und sich dann mit der Albernheit eines Teenies über die BND-ler etc in der Leitung zu freuen). Noch früher, noch viel, viel früher, wurde die Post meiner Mutter gefilzt; ihre Mitgliedschaft bei der damals noch außerparteilichen AL war Grund genug für die österreichische Post, mal etwas genauer nach dem Rechten (in Form von linken Karikaturen) zu sehen. 

2.) Ein "Digital Native", der er lt Selbstangabe ist (und "Shit storms" ja schon früher mitbekam als Bill Gates Windows 1.0), sollte er die typischen Internetdebatten mit Trollen doch kennen. Wie oft kamen dann auch Argumente Marke "FingO behauptet hier x. Auf dem Forum uninteressanter-tinnef.com sagst Du aber das und das!" - oder, noch pikanter "Ich kenne FingO aus dem echten Leben. Der macht da das und das. Hier ein Photo".
Wenn im Internet durchaus solche Methoden der (Kleinst)Überwachung genutzt werden - für den nichtigen Grund, darüber zu diskutieren, ob Cornetto oder Magnum besser ist -, wieso sollte es dann verwundern, daß Geheimdienste und Konzerne diese Möglichkeiten nutzen?

3.) "Der gläserne Mensch" ist eine in diesem Zusammenhang oft gebrauchte Floskel. Aber wie viel gläserner ist der Mensch denn jetzt? Ich habe bewußt das Beispiel mit der Post meiner Mutter genannt, um aufzuzeigen, daß Post schon früher durchwühlt wurde. Auch in der realen Welt kann man beobachtet werden (kindisches Beispiel aus meiner Vergangenheit hierzu ist sicherlich der folgende Satz einer Erwachsenen Dame, die auf meinen Bruder und mich aufpasste: "Wir haben euch an der Tankstelle Schokolade kaufen sehen." UIUIUI).

4.) Daß diverse Geheimdienste das Inet durchleuchten mag dramatisch sein, ist aber für den größten Teil unseres Alltagslebens eher irrelevant, anders als die Tatsache, daß google weiß, was Du im Inet suchtest, anders als diverse Urheberrechtsfragen (Weihnachtslieder im Kindergarten, anyone?) und ganz anders als die Pest called Abmahnanwälte. Die Fragen, ob man hinter jeden Post ein waschechtes Impressum setzen muß oder nicht, sind für unseren Alltag deutlich dramatischer als dei Fragen, ob Obama nun meine Telefonnummer kennt oder nicht.Warum schreibt er so wenig dazu und so viel zu dem "Drama" um einen Geheimdienst?


Soviel Gerante. So. Dampf ist abgelassen, nun etwas sachlicheres:

Ich stimme ja zu, daß man sich im Internet nicht mehr so frei bewegen darf wie bspw Ende der neunziger/anfang der 2000er. Ist das nicht aber normal? Das Internet war unsere Grenze, unser unentdecktes, wildes Land. Wie damals die Pioniere mit Kutschen gen Westen fuhren (also dort drüben jenseits des Ozeans und ja, ich spreche jetzt in unhistorischen Wilden Westen-Klischees), Häuser bauten, sich ansiedelten war das Internet durchaus auch ein solcher Raum, der nicht einfach fast rechtsfrei war, sondern vor allem frei. Und ich denke, diese freien ersten Tage muß man von der rechtsfreien Zeit trennen. Die rechtsfreie Zeit war mit dem wirklich Wilden Westen dann gekommen: Banditen, von Zügen zuhauf abgeballerte Büffel, Pockendecken für Indianer, Korruption etc. Oh, und die weiten Prärien wurden dann durch Zäune, durch Interstates und Gleise zerschnitten. Auf einmal gab es Grundbesitz, früher frei auf diesem Gebiet Lebende wurden vertrieben etc pp

Ähnlich kann man es beim Internet sehen: Ja, es gab die große Zeit der Freiheit. Die ersten Tage, als ich im Internet unterwegs war, waren sicherlich so etwas. Es waren schöne Zeiten, ungeheuer optimistisch, man fühlte sich frei, toll, hat kleine, schüchterne Homepages gebastelt (und wild auf forum-romanum-Foren getrollt)... ja, das war klasse. Mit der Freiheit kam die Rechtsfreiheit und ich denke, wir leben gerade diese Zeit durch: Es gibt im Internet jeden möglichen widerlichen Scheiß zu sehen, Leute zocken wie wild ab, man ist nicht mehr anonym, Leute beschließen auf einmal Gesetze, die letztlich nur das Ziel haben, andere Leute abzuzocken.... ja, eine schlimme Zeit ist das. Man darf gespannt sein, wie diese sich weiter entwickelt. Aber vor allem muß uns halt klar sein, daß im Internet dieselben Regeln gelten wie außerhalb desselben: Man ist eben nicht anonym in einem Raum und darf sich verhalten wie man will. Es besteht halt die Möglichkeit, daß diese Maske fällt. Wenn man damit nicht leben kann - bzw in Lebensbereichen, in denen man damit nicht leben kann - muß man sich Alternativen neben dem Internet suchen. Und die gibt es und mich meine damit kein moralisches "jenseits des Computers", aber es wäre schonmal viel geholfen, wenn man der "Cloud" lebewohl sagt, ggf auch google (was jetzt natürlich recht heuchlerisch gesagt auf einem blogger-blog ist)... und vielleicht sollte man Dinge, die man im Internet nicht an die große Glocke hängen will, auch außerhalb desselben lassen.

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