Montag, Dezember 23, 2013

Von mangeldem Forschergeist in religiösen Themen

Der eigentlich Krümelkackende Artikel muß etwas warten, da ich über was anderes interessantes gestolpert bin.

Beim Bibelkreis München wird ein Artikel mit der Überschrift "Tradition und Hokuspokus" wieder gegeben. Dort wird von Dawkins Autobiographie folgendes berichtet:

Jeden Abend mussten wir im Schlafsaal auf unseren Betten knien und dann war immer einer damit dran, das Abendgebet zu sprechen:
„Erleuchte unsere Düsterkeit, wir flehen zu dir, oh Herr; und mit dein groß Gnad verfecht’ uns von all der Nacht Bedrängnis und Gefahr. Amen.“
Niemand von uns hatte es je geschrieben gesehen, und wir wussten nicht, was es bedeutet. Wir guckten es Abend für Abend wie Papageien von einander ab, und mit der Zeit entwickelten sich die Worte in verdrehten Unsinn. […] Weil uns viele der Begriffe des Gebets unbekannt waren, konnten wir nur ihren phonetischen Klang imitieren. Das Ergebnis war eine hohe ,Mutationsrate’ dieser von Kind zu Kind übernommenen Imitation.
Da frage mich mich doch, wo damals der "Appetite for Wonder" war, der Dawkins Leben dermaßen formte, daß er den Titel für seine Hagio Autobiographie bildete. Warum ich das frage? Als ich auf die Offenbarung des Johannes gestoßen bin - lange, bevor ich getauft wurde - war ich vollkommen fasziniert von den vielen seltsamen Gestalten. Ich habe sie nicht einfach hingenommen, sondern wollte wissen, woher diese Bilder stammen. Dementsprechend habe ich einiges über christliche Eschatologie gelesen um wenigstens ansatzweise das Buch der Apokalypse verstehen zu können.
Ebenso ging es mir bei der Lauretanischen Litanei - vielleciht ist das noch ein besseres Beispiel: Sicher, man könnte sie einfach hirnlos runterrasseln, man könnte sich aber auch fragen, was "Du Bundeslade" aus Anrufung für Maria bedeutet. So frage ich mich, ob der Appetite for Wonder Dawkins noch dazu brachte, über den Ursprung dieses Gebetes etwas in Erfahrung zu bringen. Zumindest mein Appetite for Wonder brachte mich dazu.

In dem Artikel wird dann auch unter anderem auf die Gefahren von lateinischen Gebeten geredet, so daß der Laie dann nur noch das "Hokuspokus nachmurmeln" konnte. Mal ganz davon abgesehen, daß ich mich frage, in welcher Liturgie die Laien das Hoc est enim corpus meum nachbeteten, stellt sich auch hier die Frage, was der Fehler ist: Die Benutzung des Latein, der altehrwürdigen Worte, mit denen viele Generationen schon vor uns gebetet haben - oder eine Ignoranz gegenüber der Bedeutung dieser Worte? Ich bin mir sicher, daß die Kirche hier längere Zeit etwas Schützenhilfe unterlassen hat - ein Problem, was die Liturgische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte.

Ich will jetzt nicht sagen, daß Leute, die diesen "Appetite for Wonder", dieses Interesse an den Originaltexten nicht teilen, irgendeinen Defizit haben - es gibt heutzutage die Liturgie in der Volkssprache, sicherlich ist ihr Platz dort. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen, daß es noch andere Wege gibt, mit dem Ungetüm Latein umzugehen als es zu verjagen. Wir können lernen, es zu verstehen.

Um es im Bild zu sagen: Sicherlich mögen manche Anspielungen an das Silmarillion im Herrn der Ringe Leute verwirren - weshalb Peter Jackson sie in seinen Verfilmungen auch fast vollständig ausgelöscht hat (Glorfindel, anyone?). Man könnte sie jedoch auch als Möglichkeiten sehen, seinen Appetite for Wonder zu befriedigen - und das Silmarillion zu lesen (und danach die History of middle earth...).

Wir brauchen nicht immer alles auf "heutiges Verständnis" herunterbrechen. Was wir tun müssen, ist, jedem Menschen die Möglichkeit geben, Dinge zu verstehen.

1 Kommentar:

Cassandra hat gesagt…

Ich mag Latein. Ich war gezwungen, es zu lernen, und überrascht, wie cool diese Sprache ist.

Mir ging es mit "Oh du fröhliche" als Kind so- wer war diese Oddu und warum war sie fröhlich?

Ich habe als 5-jährige unseren Dorfpastor nach dem Weihnachtsgottesdienst gefragt, ob Jesus Apache oder Sioux war. "Gottes eingeborener Sohn"... im Kindergarten hing ein Zeitstrahl und da war die Entdeckung Amerikas (also da, wo die Eingeborenen wohnten) nach der Geburt Christi. Das mußte geklärt werden. Der Pastor lachte, sagte meinen Eltern, ich sei ja herzig und ging weiter. Meine Eltern fanden das weniger herzig, ich sollte keine Erwachsenen (und schon gar nicht den Pastor!) mit Blödsinn belämmern...
es hat eine Weile gedauert, bis ich das rausgefunden hatte.

Es gibt eine Menge, was man als Kind fragen kann. Die Welt ist ein nicht ganz selbsterklärender Ort. Andererseits wohnt dem nicht ganz Einfachem ein Zauber inne. Herr Dawkins war gegen dieses Fragen udn Forschen nicht empfänglich. Schade, denn als (Natur)wissenschaftler ist Fragen eine Grundvorraussetzung.