Sonntag, September 22, 2013

Die Wahl aus Sicht der Oxylorianer

Deutschland, Erde (oxylorianische Presseargentur): Heute kulminiert in Deutschland ein interessantes Stück Brauchtum, was in den letzten zwei Jahrhunderten einen Siegeszug über den gesamten Planeten angetreten hat - vergleichbar mit der Fehlidentifikation eines verstorbenen terranischen Heiligen als "Weihnachtsmann". Es nennt sich "Wahlkampf". Teilweise erinnert es an das Brunftverhalten terranischer Tiere, bei dem Männchen um die Gunst paarungswilliger Weibchen buhlen, um ihrem Samen im Kampf der Evolution eine weitere Generation Überrlebenschance zu verschaffen. In diesem Brauchtum geht es jedoch darum, daß gewisse Parteien, die als "vom Volk gewählt" bezeichnet werden, um so genannte "Stimmen" buhlen, mit dem Ziel, es eine weitere, so genannte "Legislaturperiode" weiter zu schaffen.

 Es geht bei dem Brauch aber um deutlich mehr als um kryptoevolutionäres Verhalten: Dieses Brauchtum ist ein wichtiges Ventil für die normalen Menschen, eine Chance, aufzuatmen. Ähnlich dem interessanten antiken Brauch, daß an einem Tag im Jahr der Haussklave Herr spielen darf, wird hier suggeriert, daß der einfache Bürger bei dieser Wahl mitspielen darf. Es ist eine Demutsgeste, die Herrschaft sichert, analog zum vom König ausgerichteten Festessen mit ausgewählten Bettlern.

Der Sklave, der Bettler und der Bürger braucht diesen Tag in periodischen Abständen. Er gibt ihm Hoffnung, daß er vielleicht nicht mehr als ein Zahnrad im Getriebe, aber immerhin ein wichtiges Zahnrad im Getriebe ist.

Da nun dieser Brauch für den einen herrschaftssichernd, für den anderen Hoffnung schenkend ist, kann man sich vorstellen, wie wichtig dieser Brauch dem deutschen Volke und seinen Regierenden ist.

Was jedoch passiert, wenn der Sklave dem Herrn sagt: "ich will heute nicht Herr spielen"? Wie reagiert der König, wenn der Bettler nicht mit dem König an einem Tisch essen will, weil er meint, er wird morgen eh wieder Bettler sein, weil er was anderes vorhat oder weil er eigentlich lieber im Dreck isst? In Alten Zeiten war das Wort des Herrn und das Wort des Königs Befehl und Befehlsverweigerung wurde streng geahndet - wichtig ist an dieser Stelle zu betonen, daß in diesen alten, längst vergangenen Zeiten der Fehler natürlich immer beim Sklaven und Bettler zu suchen war.

Diese Zeiten sind nun, glücklicherweise für die deutschen Terraner, vorbei, er darf ja nun zwischen verschiedensten Optionen wählen. Hier kommen wir übrigens zu einem interessanten Teilaspekt dieses Brauchtums: die verschiedenen Optionen drücken oft dasselbe nur in anderen Worten aus - ein Aspekt, der oxylorianische Kulturforscher schon früh zu dem Schluß führte, daß es sich hierbei um ein Volksfest und keine reale Wahl handelt, ähnlich dem Essen mit dem König und dem Spiel mit dem Sklaven.

Was aber, wenn sich der Bürger weigert, an diesem Brauch teilzunehmen? Wie schon erläutert, ist der Brauch der Wahl von zentraler, stabilisierender Bedeutung. Wenn nun ein Bürger nicht wählt - sagen wir, er hat von diesem Volksfest einfach genug -wie verhält sich dann die Regierung? Hier ist wichtig zu betonen, daß sich seit den Zeiten der Herren und Könige einiges auf Erden zum Besseren entwickelt hat. So wird ein Nicht-Wähler, wie man solche Leute nennt, nicht hart bestraft. Aber auch dieser Brauch muß, um weiter zu bestehen, sich verteidigen, und hier ist es interessant, zu welchen Mitteln man greift:

- zum Einen werden die Medien in ihrer Rolle als Heilsverkünder genutzt, um auf die Notwendigkeit der Beteiligung an diesem Ritual hinzuweisen. Einmal alle vier Jahre, hat man das recht, seine Stimme zu erheben. Da das derart selten ist, hat man, ähnlich wie der Sklave und der Bauer, dann auch die Pflicht, dies zu tun.

- deutlich wichtiger ist die Zweite Strategie: Ähnlich, wie man die Demut des Sklaven und die Festmahlsablehnung des Bettlers nicht als Entscheidungen basierend auf dem Freien Willen des einzelnen betrachtete, wurde der Brauch so aufgebaut, daß es unmöglich ist, eine andere als die zur Wahl stehenden Entscheidungen zu fällen. Wenn ein Bürger sich der Wahl enthält oder gar das auch auf den für diesen Brauch notwendigen Dokumenten ("Stimmzetteln") durch Unkenntlichmachung erwähnt, rüttelt diese Wahl nicht am Brauch. Es mag zwar betont werden, daß des öfteren Politiker sich im Nachgang beklagen, daß wenige Menschen sich an dieser Festivität beteiligen, aber selbst wenn sehr viele Menschen nicht mitmachen, wird der Brauch durchgezogen - der König isst lieber allein als die Bettler zu fragen, was er kochen soll, um es im übertragenen Sinne zu sagen.

- diese beiden Taktiken führen dazu, daß es nicht mehr die Regierung - quasi als hohe Kaste - sein braucht, die auf die indirekte Pflicht, bei diesem Brauch teilzunehmen, hinweist. Der Bürger weist den anderen Bürger darauf hin, ja, er sagt ihm, daß er, wenn er denn nicht daran teilnimmt, ein schlechter Bürger sei. Man habe doch an dieser regulierten Freiheit teilzunehmen, alles andere wäre ja Unfreiheit!

Die Menschen sind immer wieder eine interessante Spezies. Solche regulierenden Bräuche wurden geschaffen, um die Gesellschaft in ihrem innersten zu stabilisieren. Man hat versucht, Tugenden wie Demut und moralisch integres Verhalten mithilfe dieses Rituals zu gewährleisten. Ob das für immer klappen wird, wird die Zukunft zeigen. Falls es dies tut, sollte der hochverehrte Generalstab unserer interstellaren Truppen dies bei der Eroberung von Terra bedenken: Man kann sehr wohl allein regieren, wenn man nur das terranische Brauchtum respektiert.

-- PS: Keine Sorge, liebe Leser, ich gehe wählen, aber dieses Insistieren sowohl diverser von Bund und Ländern subventionierter Aktionen "pro Wahl" als auch die Aufrufe auf Facebook etc "bloß nicht seine Stimme zu verschenken" finde ich doch recht amüsant. Und ja, wie angedeutet bei unseren werten Außerirdischen Oxylorianern, ich würde vielleicht diesmal nicht wählen, wenn ich wissen würde, daß diese Nicht-Wahl eine Konsequenz nach sich ziehen würde. Wenn aber Vertreter der Parteien darauf nur mit "Enttäuschung" reagieren, statt sich zu fragen, ob nicht vielleicht sie die Schuld an der Poltikverdrossenheit in unserem Land tragen, dann bringt Nichtwählen nichts und man darf wenigstens getrost bei diesem Festakt unserer Freiheit teilnehmen.

1 Kommentar:

Cassandra hat gesagt…

ich habe lange mit dem Gedanken eienr Nichtwahl gespielt. Repräsentieren tut mich keine der hier angebotenen Wahlmöglichkeiten.

Am Ende habe ich dann meine Stimme einer sympathischen Kleinstpartei ohne Chance, die 5%-Hürde zu überspringen, gegeben.

Fühle ich mich jetzt besser? Nein.