Sonntag, Februar 19, 2012

"was wir alles schönes verpassen"


In den letzten Tagen ging quasi als Meme folgende Story über Facebook:

An einem nasskalten Januar morgen stellte sich ein Straßenmusiker in eine U-Bahn-Station in Washington DC. Er spielte innerhalb von ca. 45 Minuten sechs Stücke von Bach. Während dieser Zeit herrschte starker morgendlicher Berufsverkehr in der U-Bahn-Station – errechnet wurde, dass mindestens 1.100 Menschen in dieser Zeit am Musiker vorbeigingen. Die meisten von Ihnen auf den Weg zur Arbeit.

....

Niemand applaudiert ihm. Niemand gab ihm auch nur einen Hauch Anerkennung.
Niemand wusste allerdings, dass es sich bei dem Musiker um den Star-Geiger Joshua Bell gehandelt hatte. Joshua Bell ist einer der talentiertesten Musiker der Welt. Gerade hatte er in der U-Bahn-Station mit Bachs Kompositionen eines der schwierigsten Stücke, das je geschrieben wurde gespielt – das alles auf einer Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar.

Die Ironie, noch zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell ein Konzert in Boston gegeben – Eintrittspreis durchschnittlich 100 Dollar.

Diese Geschichte ist wahr: Joshua Bell spielte tatsächlich inkognito in der U-Bahn Station. Geplant wurde diese Aktion von der Washington Post und war Teil eines sozialen Experiments über Wahrnehmung, Empfinden, Geschmack – Maßgeblich ging es um das soziale Einordnen der Prioritäten. Wie nehmen Menschen Dinge wahr, für die sie „ jetzt erstmal keine Zeit“ haben. Bedingungen für das Experiment waren u.a. ein öffentlicher stark frequentierter Ort, zu einer hektischen Phase (Rush hour). Können Menschen Schönheit wahrnehmen? Hören sie die hohe Qualität raus. Erkennen sie das Talent in diesem unerwarteten Zusammenhang?

Das ganze für uns mal zum hören:


Natürlich ist das eine schöne Geschichte, klar. Aber... man verzeihe mir den miesen Pragmatiker in mir, ich habe mit der Geschichte so meine Problem: Also, mal plump gesagt, der werte Herr hat sich doch dumm platziert. Nicht mal einfach an einem U-Bahnhof, was wirklich schon allein "Ich bin grad von A nach B unterwegs" schreit: Er hat sich an eine Durchgangspassage (ob zwischen zwei verschiedenen Linien oder einfach am Ausgang, weiß ich nicht) plaziert. Muße wird dort nicht aufkommen, nicht, weil uns die Arbeit so quält, wir so gehetzt sind, nicht mehr gelernt haben zu staunen, sondern weil wir ein Ziel - vielleicht ein ganz romantisches! - vor Augen haben. Weil wir uns auf etwas freuen, darauf unsere Gedanken verschwenden. Vielleicht, weil wir beim Weg von A nach B Musik, ein Hörbuch, Radio oder einen Podcast hören. Weil wir uns auf unsere Arbeit vorbereiten. Weil wir etwas lesen. Der potentielle Zuhörer ist gerade "unterwegs", man darf ihm (oder, wenn man es selbst ist, sich selbst) doch nicht vorwerfen, dann auch auf "unterwegs" eingestellt zu sein.

Hätte der werte Herr Bell das Experiment im Mauerpark oder - ach, einfach wirklich direkt an den Gleisen, wo Leute tatsächlich warten - durch geführt, wäre das Ergebnis ein anderes gewesen.

Vor ein paar Monaten hatte ich ein solches Erlebnis: eine junge Frau spielte am U-Bhf Friedrichstr. wunderbares auf der Violine. Da haben Leute, die es sich leisten konnten, dann auch mal einen Zug fahren lassen. Der liebe Herrgott wußte in der BVG einen guten Verbündeten, so daß die Bahnen ohnehin Verspätung hatten, so bekam ich noch den rauschenden Applaus mit.

Ein anderes Mal bin ich mit meinem Schatz in meiner Gegend an einem älteren Herren vorbeigekommen, der auf einem exotischen Saiteninstrument spielte. Meine Liebste fragte ihn, was das für ein Instrument sei, und so erzählte er uns eine rührende Legende zur Gadulka, spielte uns ein Lied vor.

Desöfteren, wenn ich durch das schöne Berlin spaziere, bleibe ich bei Leierkastenmännern stehen, finde ich es doch wunderschön, wenn diese altberliner Weisen spielen.

Was all diese Situationen gemein hatten, war, daß ich Muße hatte, daß ich wirklich die Freiheit hatte, die Schönheit um mich zu genießen. Aber ohne diese Muße darf man doch niemandem einen Vorwurf machen!

2 Kommentare:

CM hat gesagt…

...im Zweifelsfall interessiert es den Chef nämlich überhaupt nicht, ob da ein toller Straßenmusiker stand. Und wenn man ihm erzählt, daß das kein Straßenmusiker, sondern ein Weltklassegeiger war, wird man seine Position in der Auseinandersetzung nicht unbedingt verbessern.

( Übrigens: erstes Captcha-Wort ist "marriage"! )

FingO hat gesagt…

Das freut mich mit dem captcha!

Wie ich schon gestern postulierte, würdest auch Du mir eine schallern, wenn ich drei Stunden zu spät zu einem schönen Spaziergang komme und sage, ich hätte einen Weltklassegeiger in der U-Bahn gehört.