Sonntag, Oktober 30, 2011

"Vatikan fordert globale Zentralbank"

Durch den Weltbild-Skandal scheint ein Dokument des Vatikans gar nicht für die Furore zu sorgen, die in der amerikanischen Blogozese durchaus für, freundlich ausgedrückt, einen gewissen Buzz sorgte.
So soll der Vatikan in besagtem Schreiben zum Ausdruck bringen, für eine zentrale Weltbank zu sein. Während auf der Linken einige Leute jubelten (Einspruch: Bei "echte Demokratie jetzt" gab es nur das typische antikatholische Unkenrufen), gab es recht hitzige Reaktionen auf Seiten der (katholischen) Konservativen. Was ist nun an diesem Schreiben dran?

Ich möchte nun auf das Schreiben eingehen, einerseits es zusammenfassen, andererseits, meinen persönlichen Senf dazuzugeben.


Wichtig ist vor allem festzuhalten, daß das Schreiben nicht, wie linke und konservative Medien suggerierten, das Schreiben nur um die Gründung einer Weltbank gehen würde. Es bemüht sich, an Caritatis in veritatem und Pacem in Terris anzuknüpfen, speziell an den Gedanken der Weltautorität. Zum zweiten sollte man im Hinterkopf, bevor man mit NWO-Vorwürfen kommt, haben, daß der Teil des Schreibens, der zu so viel Aufregung sorgte, die Überschrift "Toward reforming the international financial and monetary systems in the context of global PUBLIC authority" trägt. Gedanke ist also nicht, daß irgendwelche Hintermänner in Schattenkabitetten über alles beraten.

Zu Beginn wird eine "Ist"-Situation beschrieben, die gar nicht mal so falsch ist - wobei hier auch viel Geschwafel und Allgemeinplätze gesagt werden. Wichtig finde ich jedoch einen Punkt:

- Im Geschäft mit materiellen Gütern sind natürliche Faktoren und die produktive Kapazität rate limiting steps (wie ich als katalytischer Chemiker mal sagen würde), Grenzen, die bei Finanzmärkten so nicht vorhanden sind. Daran wird Kritik geübt und eine Relation zur Inflation aufgezeigt.

Es wird darauf hingewiesen, daß Paul VI. klar auf die Gefahren einer ökonimischen Entwicklung unter liberalem Vorzeichen hinwies. Jener wies auf die höchste Priorität der Verteidigung des Lebens und der Entwicklung sozialer und moralischer Standards bei den Völkern hin. Auf Basis dieser Punkte sagte der Hl. Vater, daß eine globale Entwicklung der neue Name des Friedens wäre.

Nun wird ein Bogen gespannt: Zwar sieht man auf lokaler und nationaler Ebene oft den Staat oder ähnliche Einrichtungen, die der Freiheit der Wirtschaft Einhalt gebieten können, jedoch ist das international schwer; der ökonomische Liberalismus sei zu utilitaristisch, um das Allgemeinwohl im Auge zu haben. Dieses Allgemeinwohl, was zu oft meiner Meinung nach ein Schlagwort ist, wird durch den Hl. Vater als "personenzentriert" bezeichnet; in dem Sinne benötigt die Wirtschaft eine Ethik, die den Menschen als Zetrum hat. Letztlich wird das gut auf den Punkt gebracht, wenn man sagt, daß "Sein" und "Ethik" über "Haben" und "Ökonomie" einen Vorrang haben müssen, woraus gefolgert wird, daß eine Ethik der Solidarität (ich hätte es eher eine Ethik der Nächstenliebe genannt) die Triebfeder für das Tun der Völker sein soll.

Schließlich wird auf die Notwendigkeit einer Weltautorität hingewiesen, indem man auf des Sel. Johannes XXIII. Enzyklika "Pacem in Terris" hinweist: Wie dort schon dargestellt, strebt die Welt nach einer immer größeren Einheit. Wie weltweit die Wirtschaft nun ist ist ja dafür ein gutes Zeichen. Nun sieht der Heilige Vater hier ein Problem, daß nämlich die Völker untereinander keine Korrespondenz auf globaler Ebene führen, ich würde es eher als das Fehlen einer gemeinsamen juristischen Sprache bezeichnen. In besagter Enzyklika spricht der Heilige Vater die Hoffnung nach einer Weltautorität aus, eine Hoffnung, die von Benedikt XVI. wiedergegeben wird. Es gebe laut ihm zu viele Probleme in der Welt, die nur noch gemeinsam gelöst werden können. Die Antworten darauf sollen nicht isoliert, sondern systematisch und integriert erfolgen, Getragen von Solidarität und Subsidiarität und auf das Allgemeinwohl hin ausgerichtet sein (ich denke, gerade der Aspekt der Subsidiarität ist wichtig). Ohne eine solche Autorität würde das Recht des stärkeren regieren.

Es wird nun etwas schwamming (aber leider in Tradition der genannten Enzykliken) definiert, wie eine solche Autorität aussehen sollte. Sie soll dem Allgemeinwohl dienen und dafür die notwendigen Strukturen aufweisen, die nach und nach aufgebaut werden sollen. Diese Autorität solle nicht durch Macht, sondern durch Einsicht der Völker wachsen. Das ist ein Punkt, den ich, bei allem Respekt, redundant finde. Ich mein, natürlich soll die ganze Welt einsehen, was gut für alle ist etc. - aber bringt uns ein solcher Vorschlag irgendwie weiter?

So geht es dann weiter mit einer, sagen wir mal zynsich, "Wunschliste" an den subsidiären Herrscher von morgen. Er soll die Meinungen der Minderheiten beachten, die Position hat aus internationalen Beratungen entstehen und eine effektive Leitfigur sein, die den Ländern nicht ihre Autorität nimmt, sie wird die Diversität der Kulturen respektieren etc. pp. Wieder, wichtig ist mir persönlich der Punkt der Subsidiarität. Wenn der gewährleistet ist, ist vieles andere gewährleistet. Jedoch generell frage ich mich, wie man diese "eierlegende Wollmilchsau der Politik" realisieren will (letztlich kann man diese Frage dann auch im letzten Part stellen) in einer Welt, die eben eine sündige Welt ist. Ich frage mich, ob nicht gerade der Heilige Vater selbst das ist, was man benötigt: Eine moralische Leitfigur, einen vicarius Christi, der nicht selber herrscht, sondern sagt, was gut und recht ist. Einen Widerpart zur weltlichen Macht. Aber das ist meine Meinung.

Nun, im letzten Teil geht das Schreiben dann doch (DUNH DUNH DUNH) auf die Reform des Marktes ein. Dazu wird erstmal auf die Basis des Finanzproblemes (ihrer Meinung nach, ich kenne mich dazu zu wenig aus) hingewiesen: Der Niedergang der Bretton-Woods-Institutionen seit den Siebzigern. Der IWF habe die Macht, die Weltfinanz zu stabilisieren verloren. So wird gesagt, daß man einen Minimalsatz an gemeinsamen Regeln zur Regulierung des weltlichen Finanzmarktes einrichten sollte (hier fett das Wort Subsidiarität einfügen!). Es wird in diesem Zusammenhang positiv gesehen, daß aus dem G7 später der G20 wurde, sprich, daß mehr Staaten daran teilhaben (was ich nicht finde). In dem Zusammenhang wird auch gesagt, daß selbst der G20-Gipfel in Pittsburg 2009 die Notwendigkeit einer "verantwortungsvollen Art und Weise" der ökonomischen Aktivitäten betont hätte - wobei das doch, Verzeihung, wirklich Allgemeinplätze sind.

Und nun kommen wir zu des Pudels Kern, der für all den Buzz sorgte. Es soll eine Form des globalen Geldmanagement auf Basis des IWF gefunden werden, jedoch sollten die gelten Wechselsysteme neu diskutiert werden, diesmal mit Einbeziehung der Dritten Welt und der Schwellenländer. Man sehe immer dringender, daß es eine "Zentrale Weltbank" geben sollte, die den Finanzfluß reguliert, ähnlich wie die Nationalen Zentralbanken. Mit dieser Globalen Bank soll an die genannten Bretton-Woods-Institutionen angeknüpft werden. Auf diesem Wege könnten die regionalen Banken (die EZB bspw) gestärkt werden. Es müsse jedoch Einrichtungen geben, die die Einheit und Konsistenz der Allgemeinbeschlüsse dieser Institution prüfe.
Diese Weltbank wäre als erster Schritt in Richtung der von Benedikt XVI und Johannes XXIII vorgestellten Weltautorität. In diesem Zusammenhang muß das Primat der Religion und der Ethik wieder hergestellt werden und damit das Primat der Politik (als Kraft, das Allgmeinwohl zu garantieren) über die Ökonomie und die Finanzen gestellt werden. Wichtig finde ich hier das Primat der Religion (gut, im Schreiben als "primacy of spiritual needs" bezeichnet, jedoch - hey, wir sind als Katholiken doch bewußt, was gemeint sein sollte, oder?) wieder aufgestellt wird.

Dieser ethische Ansatz soll über verschiedene Wege realisiert werden:
a.) Versteuerung großer finanzieller Transaktionen, quasi als Rainy Day fund. Die Größe der Versteuerung soll proportional zur Komplexität des Geschäftes sein.
b.) Rekapitalisierung von Banken ("Bankenrettung") sollte abhängig vom Verhalten der Banken sein: Haben diese Banken dem Allgemeinwohl gedient oder nicht?
c.) Es brauche klare definitionen von Kredit und Investment banking, um Schattenmärkte zu verhindern.

Die zu solch einer Änderung notwendige Transformation soll an Universitäten und von Menschen in der Öffentlichkeit vorbereitet werden.

Im Abschluß wird (hört, hört!) auf zwei "Einheitsversuche" in der Bibel hingewiesen: Einerseits der Turmbau zu Babel, in dem nur eine äußerliche Einheit gesucht wird. - Hier würde ich noch einfügen, daß beim Turmbau zu Babel eine Einheit ohne Gott gesucht wurde! Das ist letztlich das Entscheidende.

Demgegenüber steht das Pfingstereignis als Gottes Plan für die gesamte Menschheit: Nicht in Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (ok, das ist nu von mir), sondern in Einheit und Wahrheit (weil eben in Gott! - mein Einwurf) soll diese Einigung geschehen.

So, kommen wir zu meinen Kommentaren:

Erstmal positiv festzuhalten: Ich teile nicht das Ranting der besagten Quellen. Die Päpste haben an verschiedenen Stellen auf die Notwendigkeit einer globalen Autorität hingewiesen, ohne genaueres zu spezifizieren. Ich denke, daß der Ansatz, den Weg zu dieser subsidiären globalen Autorität, also einer Institution, die das miteinander der Nationen regelt, OHNE die Nationen selbst zu regieren, an der Stelle des Finanzmarktes zu suchen, gar nicht mal so verkehrt ist.
An dieser Stelle sei auch noch eine Sache erwähnt, die mich immer wieder wundert: Während man manchmal fast den Eindruck gewinnt, daß manche durchaus wohlmeinende Kreise alles Gesagte vom Heiligen Vater nicht nur kritiklos, sondern bedingungslos überschwänglich hinnehmen, werden Schreiben von anderen kirchlichen Institutionen, die etwas gar nicht ganz anderes sagen, nicht nur mit Bausch und bogen verdammt, sondern zum Teil in einer Weise niedergemacht, die zum einen nicht uns Christen entspricht (höhö, muß Mister "Ick hör Noise zum Frühstück" grad melden), zum anderen eine gewisse Inkonsistenz aufweist.

Als junger, unwissender und bisher begeisterter Distributist jedoch kommt mir in dem Schreiben zu wenig eine Gestaltung dieser Autorität (Auch auf dem Gebiet der Finanzen) vor, die den Aspekt der Subsidiarität hinlänglich erhalten wird. Und wenn dieser Aspekt zu kurz kommt, sind wir einen Schritt in der von so manchem Verschwörungstheoretiker befürchteten NWO. Einen weiteren Schritt auf diesem unseligen Gebiet wären wir, wenn wir die Verwurzelung in der Wahrheit - Gott - vergessen. Sicher, es mag sein, daß die Nationen der Welt, da oft unterschiedlicher Religion, sowas nicht hören wollen, aber wahre Einheit wird es nur in Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, geben. Nun mag man sagen, daß damit doch anderen Leuten vor den Kopf gestoßen wird. Das denke ich nicht. Vergessen wir doch nicht, daß dieses Schreiben ein Schreiben der Kurie ist; Ungläubige erwarten doch eh von uns nichts anderes als Christus.

Ein weiteres Problem habe ich schon weiter oben angesprochen: Wie soll diese Weltautorität aussehen? Soll sie Macht haben? Dann wären wir schon bei der Neuen Weltordnung.

Als Katholik sehe ich die Hauptaufgabe der Weltautorität im Heiligen Vater schon ziemlich erfüllt (sie wäre noch mehr erfüllt, würden angeblich christliche Nationen auch so handeln): Wir brauchen neben den Königen der Welt eine prophetische Stimme, einen Rufer aus der Wüste, der sich nicht fürchtet, den Nationen, wenn es sein muß, die Leviten zu lesen. Und ich denke, das macht der Hl. Vater schon sehr gut. Wichtig wäre hier, daß wir christlichen Nationen da mal wieder mitziehen und auch bspw. in der Politik und dem Handel mit Nationen, in denen grundlegende Menschenrechte mit Füßen getreten werden, Konsequenzen ziehen.
Sicherlich wird es betreffs der Finanzen eine globalere Institution geben müssen, die die Finanz-Transaktionen der Welt in eine gemeinsame Sprache bringt, so daß man sie evaluieren und damit kritisieren kann. Ob hier jedoch eine Weltbank der richtige Ansatz ist, wage ich zu bezweifeln.

Insgesamt also meiner Meinung nach ein erster Ansatz, dem Gedanken der Weltautorität etwas mehr Form zu verleihen, jedoch noch nicht mehr. Kein grund, bitter zu meckern, aber auch keine prophetische Schrift. Jedoch vielleicht eine, auf dessen Basis man beginnen kann, über die Zukunft des weltlichen Miteinanders zu diskutieren.

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