Ich trug am Sa eine Lederjacke, einen Fedora und Jeans, eine Freundin von mir - eine eifrige Nightfever-Aktivistin aus Bonn - einen schwarzen Kapuzenpulli mit dem Nightfever-Logo drauf. Dazu trug sie ein Halstuch.
Ich mit meinen latenten Hellsehergaben meinte schon zu ihr, daß sie mit einem SCHWARZEN KAPUZENPULLI mit ROTER Schrift drauf und einem dicken HALSTUCH auch zu den Gegendemonstranten zählen könnte. Wie ich später lernte, konnte man mich auch mit denen verwechseln, weshalb man uns beiden kein Kreuz geben wollte. Ich wurde auch von einem älteren Herrn recht rüde angefahren "Nee, ihr bekommt kein Kreuz!". Auch das zeigen meinerseits eines Skapuliers half da nichts, aber ich muß der Fairneß halber mehrere Dinge dazu sagen:
- Der ältere Herr zeigte dann verständnis und war sehr nett. Später traf ich ihn noch und er gab mir sein Kreuz.
- Eine ältere Dame war wirklich lieb und wir unterhielten uns ein wenig mit ihr. Sie war auch dann eifrig darauf bedacht, daß meine Freundin und ich zu unseren Kreuzen kamen.
Ich wollte dann bloß keinen Streß mehr machen und letztlich konnte man auch einfach Rosenkranzbetenderweise mitziehen. Auf dem angeblichen Recht eines Kreuzes zu bestehen hätte auch die Würde dieser Veranstaltung verletzt. In der Hinsicht war und bin ich auf keinen Veranstalter sauer.
Trotzdem erinnerte ich mich an etwas von Josef Bordat erwähntes. Hat ein Christ wirklich ein bestimmtes Aussehen? können/sollen wir wirklich so urteilen?
Ironisch gefragt: WÜRDEN SIE DIESEM MENSCHEN VERTRAUEN:

Sicher, es mag sein, daß man aussieht wie "einer von denen". Ich hab auch während der Kundgebung mit mir selbst "spot the abortionist" gespielt, aber gemerkt, daß das eine Vorverurteilung der Menschen ist. Ich mein, ein sprecher auf der Kundgebung war ein Lebensschutz-Aktivist aus Amiland, der recht paketmäßig gebaut war und ordentlich Tätowierungen hatte (ja, ich fand ihn wahnsinnig cool). Hätte er nicht oben gestanden, hätte man ihm womöglich kein Kreuz gegeben.
Ich verstehe die Sorge um die Profanisierung der Kreuze - das ist wirklich ein Problem. Wenn sich irgendwelche pöbelnden Arschlöcher toll fühlen, wenn sie sich feige ein Kreuz erschleichen, um es dann im angeblichen Triumph umgedreht in die Höhe zu recken, ist das traurig, gotteslästernd (und erbärmlich). Nun ist es aber so, daß auch diesmal, trotz aussortierung von Lederjackentragenden Jungens nicht wenig Kreuze in die falschen Hände fielen - weil ja die werten Herr_innen Gegendemonstrant_innen (oder so) auch nicht komplett entblödet sind. So sind nicht die mit Dreads, Tatoos und Piercings beschmückten Leute nach vorn gegangen, um sich Kreuze zu ergattern, sondern normal aussehende. Lektion: So wird man dem Kreuzesklau nicht Herr. Das ist aber auch eher Sache der Sicherheitskräfte, den "Erschleichern" dieses Kreuz im Zweifelsfalle abzunehmen.
Aber das ist auch nicht der Punkt, worauf ich hinauswill. auch wenn ich mich nächstes Jahr als Christ erkenntlicher machen werde, finde ich, daß wir als Christen so nicht urteilen dürfen. Auch wenn man uns am Aussehen erkennen könnte, dürfen wir nicht durch reine Äußerlichkeiten sofort aufs innere Leben schließen. Jemand mit Totenkopftätowierungen kann eine ruppige Vergangenheit gehabt haben. Jemand mit Dreads kann ein etwas... ökologisch orientierter Charismatiker sein. Ich habe schon von Leuten aus der eher finsteren Gothic-Szene gehört, die sich mit dem traditionellen Katholizismus anfreunden können, also kann auch hier kein Schwarzes Auftreten auf Kind Satans gleich schließen lassen.
Nein! Wir Christen müssen den Menschen erstmal annehmen. Denn ein Christ zeigt sich durch sein Tun und nicht durch sein Aussehen. ("An ihren Früchten..." - ne?)
5 Kommentare:
So was! Und ich habe mich noch über den Herrn mit der Lederjacke neben der Dame mit dem Nightfeverpulli gefreut. Fühlte ich mich als langhaariger Bombenleger nicht ganz so "underdressed". Da müßten wir IIRC hinterm Lustgarten eine zeitlang fast nebeneinander gelaufen sein. :-)
Nun ja, von manchen Hardcore-Alte-Messe-Sedisvakanz-Gerontochristen wird man unter Umständen auch mal angeschissen, wenn ohne Krawatte zur Kommunion geht (ist mir mal passiert). Also ich find's immer erfrischend (gerade auch im alten Ritus), wenn Gläubige abseits der Schleier- und Schleifrockfraktion daherkommen.
Gerade gestern fragte mich ein (aus Frankreich kommender) Gläubiger nach der Messe in Basel, ob ich beim Militär sei, nachdem er mich irgendwann mal mit Kurzhaarfrisur in einer Tarnfarbenjacke zur Orgel marschieren sah. Daß es sich dabei ausgerechnet um "Wehrmachtstarn" gehandelt hat, habe ich mit Rücksicht auf die Provenienz des Fragenden mal besser verschwiegen.
Und damit könnte ich mich wahrscheinlich auch gleich bei der Frage einreihen, ob ich nun wie der typische Christenmensch aussehe?
Macht Euch nix draus, ich würde euch jederzeit meine Topfpflanzen und Tiger Jay anvertrauen.
Oh, vertraue mir lieber keine Topfpflanzen an. Für meine Nachlässigkeit, was Blumen etc. betrifft, werdet ihr auch noch für meine Reinigung einige Totenmessen lesen lassen müssen... :/
Einerseits verstehe ich ja, dass man anhand von Klamotten und Frisuren so ne Art Schnellprofiling durchführt, um den Abtreibungsbefürwortern keine Kreuze in die Hand zu drücken, aber andererseits hat es mich schon genervt, dass man offenbar schon verdächtig ist, wenn man unter 40 ist und nicht zur Faltenrockfraktion gehört. War mit Jugend für das Leben da. Zwei von den Jungs, die bei uns dabei waren, haben zwar problemlos ein Transparent bekommen (Kreuze waren, glaub ich, schon aus), aber die Polizisten an der Hedwigskathedrale haben dann halt nur einen Typen mit nem Cobain-Shirt und nen anderen Typen mit Lederjacke und sehr, sehr kurzen Haaren gesehen..."Jungs, ihr wisst schon, dass ihr hier nicht reinkommt?" Kamen sie natürlich doch, nach kurzer Intervention.
Fast schon witzig fand ich, dass die Dame, welche die Liedzettel am Eingang verteilte, mich ganz entgeistert fragte, ob ich denn sicher sei, dass ich mitsingen wollte...dabei sah ich wirklich ziemlich brav und bieder aus.
Ich könnte mir vorstellen, dass Teile der katholischen Welt/derPro-Life-Bewegung mittlerweile manches blöde Vorurteil so oft gehört haben, dass manche es verinnerlicht haben, und dann gar nicht glauben können, dass jüngere (und gewagter gekleidete) Leute als sie selbst womöglich auch Pro Life sein könnten. Ärgerlich bleibt es trotzdem.
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