Donnerstag, Oktober 22, 2009

My Way bei Beerdigungen und andere Greueltaten auf Gottes Erde.

Geistlicher beklagt zu viele weltliche Lieder bei Beerdigungen .

Da hats mir etwas die Sprache verschlagen und ich muß sagen, daß mir hier auch das Einfühlungsvermögen fehlt (EDIT: Ich finde, daß dem Geistlichen das Einfühlungsvermögen fehlt). Oder zumindest die richtige Taktik, denn man kann beides - ein weltliches Lied und eine geistliche Beerdigung - miteinander verbinden, wenn man es denn clever macht.
Als meine Mutter starb, standen wir Katholen (sprich mein Vater, mein Bruder und ich) vor dem Problem, daß erstens meine Mutter wünschte, daß "Seasons in the Sun" auf ihrer Beerdigung laufen sollte (hier komme ich noch auf einen Punkt von wegen "Glaube an Auferstehung bleibe auf der Strecke), zweitens die Ungläubigen/Gläubigen-Quote ca 50/50 stand (wenn ich es mir recht überlege: Nicht mal das); vor allem der Lebensgefährte meiner Mutter nicht religiös war. Ja, ich weiß, hier geht es nicht um weltlichen Gefallen etc. - aber man muß meiner Meinung nach schon dafür sorgen, daß jeder von einer Trauerfeier einen Funken Hoffnung mitnehmen kann. Und damit man die Herzen öffnet, kann man auch zwei Schritte - nicht den ganzen Weg - entgegen gehen.
In unserem konkreten Fall hieß das, daß nach der Versammlung in der Kapelle von einer langjährigen Freundin (und meines Vaters - ja, und meines Bruders und mir) einige Worte gesprochen wurden - ich muß gestehen, ich weiß gar nicht mehr, ob noch jemand ein "weltliches Gedächtnis" gestiftet hat -, dann wurde dieser weltliche Part mit Seasons in the sun abgeschlossen, worauf die katholische Trauerfeier begann.
Damit waren alle zufrieden. Die Katholen hatten eine würdige, christliche Trauerfeier (mit einer sehr schönen Predigt übrigens), die Atheisten und Agnostiker hatten zuvor einige Worte des Gedächtnisses. Auch die zeitliche Abfolge hat mir gefallen; daß nach dem weltlichen Gedächtnis der Hinweis auf etwas, was über dieses Gedächtnis hinausgeht, vorhanden ist. Ich weiß von den nicht gläubigen, daß die Worte des Priesters und der ganze Ritus sie tief berührt hat. Und, plump gefragt: was will man (erstmal) mehr?
Mit der Erinnerung im Hintergrund finde ich das, was der Priester sagte, einfach nur nicht durchdacht und, falls das doch durchdacht war, herzlos. Einer Trauergemeinde dann zu sagen "Nein, meine Lieben, es ist mir sch***egal, was die Verstorbene Person auf dem Totenbett hören wollte, ich spiele nun Dies Irae" ist ein pseudo-rechtgläubiges Pharisäertum, was den Menschen vollkommen übersieht. Sicher, das allererste Gebot ist das der Gottesliebe, aber das zweite Gebot (Mt 22,39) genau so wichtig. Aus der Gottesliebe erwächst uns die Pflicht der Nächstenliebe, was im konkreten Fall bedeuten kann, daß man nicht in einem Anfall von Orthodoxie eine Trauergemeinde anranzen muß, sondern daß man überlegt, wie weit man ihnen entgegengehen kann (wie viele Meilen man mit ihnen gehen kann, nicht?).
Nebenbei gesagt: Die Wünsche des Verstorbenen zu beachten betreffs die Liedwahl bei der Beerdigung, und sei es Bushido - Berlin, ist wohl eines der einfachsten Zeichen dafür, daß irgendetwas an Glauben an ein Leben nach dem Tod vorhanden ist. Denn man erfüllt den Willen der Toten, als würden diese noch leben, ja, man hat ein schlechtes Gewissen, wenn man dies nicht tut. Wenn ich Seasons in the sun höre, denke ich an meine verstorbene Mutter, wie sie es - so Gott will (was ich doch hoffe!) - in den Himmel geschafft hat und bin erfüllt von der Hoffnung, sie einst wieder zu sehen. Da brauche ich kein christliches Lied dafür.

6 Kommentare:

Johannes hat gesagt…

In meinem Alter ist man ja häufiger bei Beerdigungen anwesend. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß EIN EINZIGES MAL das dies irae angestimmt wurde. Die Unlust des Pfarrers kann ich durchaus nachvollziehen. Wenn schon nicht der Pfarrer selbst die Liturgie verändern darf, warum sollen es dann die Verstorbenen tun dürfen? Entweder man akzeptiert, daß Christus selbst uns die Liturgie gegeben hat, oder man tut es nicht. Tut man es nicht, bewegt man sich außerhalb der Kirche. Klingt brutal und herzlos, doch alles andere macht aus der allerheiligsten Liturgie ein Wunschkonzert.

Yon hat gesagt…

Ich persönlich würde mir für mich kein weltliches Lied wünschen, weil mich die Angst nicht loslässt, dass irgendwer auf den falschen Knopf drückt und irgendwas von den Beach Boys aus den Lautsprechern schallt. Vielleicht eine geschmacklose Furcht, aber da ist sie nun mal. (Ich würde mir aber gern, wenn mir die Zeit bleibt, etwas aus dem Gotteslob wünschen...)
In der Liturgie selbst hätte es auch nichts zu suchen, aber Du sprachst ja von einem weltlichen, der Liturgie vorausgehenden Teil... imho absolut legitim (es gibt allerdings sicher Lieder, die nun definitiv NICHT in einer christlichen Kirche ertönen müssen, aber das ist ein eigener Fall).
Andererseits spricht der Pfarrer aber auch von Popmusik im Krematorium. Nun gibt es ja sicher immer wieder mal Gründe, sich kremieren zu lassen, aber ich kann den Pfarrer ein wenig verstehen, wenn der Beisetzung vollständig die christliche Note fehlt, außer eben, dass er doch bitteschön noch anwesend zu sein hat. Wie ich mich als Angehörige in so einem Fall fühlen würde, möchte ich mir auch nicht vorstellen. :(
Es ist sehr, sehr schwierig, und ich hoffe, dem Pfarrer gelingt es da, die richtige Töne zu treffen.

FingO hat gesagt…

Eben. Richtige Töne ist ein Stichwort. Oder noch ein allgemeineres: Nächstenliebe. Oder vielleicht auch Taktgefühl. Das, Johannes, hat dann noch lange nichts mit klein bei geben zu tun oder gar mit Liturgieänderung, wie das Beispiel aus meiner Familie zeigt.

. hat gesagt…

der link zu kriche von oben da links hat ein http// zu viel. gruß ulrich

FingO hat gesagt…

Thx@Ulrich! Ich hab gestern ne halbe Stunde im Post und den Kommentaren nach einem Link gesucht :D :D :D

Der Herr Alipius hat gesagt…

Ich sitz so'n wenig zwischen den Stühlen. Ich würde (oder werde) zwar als Pfarrer alles tun, um weltliche Lieder bei Beerdigungen zu vermeiden, werde aber auch versuchen, den Trauernden so weit es eben geht entgegenzukommen. Was ich da letztlich für Kompromisse schließen muß und werde, möchte ich heute noch gar nicht bedenken.

Eines zu "My Way": Ich finde dieses Lied grade bei einer Beerdigung ehrlich gesagt auch unmöglich. Wenn ein Christliches Begräbnis stattfindet, muß man wenigstens annehmen (wenn man es nicht genau weiß, da man den Verstorbenen nicht gut kannte und die Verwandten nicht so recht mit der Sprache rauswollen), daß da ein Christliches Leben zu Ende gegangen ist. Dann singen zu lassen "Ich hab's auf meine Art gemacht" ('non serviam' läßt grüßen) finde ich nicht so schmackhaft.

Ist aber alles noch Kinderkram: Mir hat erst neulich ein Pfarrer von einer Beerdigung erzählt, auf der "Imagine" von John Lennon grade noch verhindert werden konnte.