Montag, September 28, 2009

@jobo72

Josef Bordat sagte in meinem Post vor einigen Tagen über den Marsch für das Leben einiges, daß nicht so einfach im Nirvana der Kommentare verschwinden sollten. Ich werde sie hier nochmal zitieren:


1.) Als die Kreuze verteilt wurden, blickte mir die junge Dame, die diese Aufgabe übernommen hatte, sehr lange prüfend in die Augen. Das empfand ich als etwas, nun ja, unangenehm. Und es brachte mich zu dem Gedanken: Wie sieht jemand aus, der das Kreuz zu tragen verdient? Hätte Jesus ein Kreuz von ihr bekommen? Klar, ich weiß, die „Vertrauensprüfung“ entspringt einem gesunden Sinn für Realität. Dennoch: Ich fand’s unangenehm.

2.) Als Lebensschützer sieht man sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, ein „Nazi“ zu sein (Frauenfeind ja sowieso – das ergibt sich schon aus der Kirchenmitgliedschaft). Das ist mir sehr unverständlich, weil ja die NS-Ideologie geradezu das Gegenteil von Lebensschutz bedeutet und Lebensschutz das Gegenteil von NS-Ideologie. Ich will diesen unvernünftigen Vorwurf auch nicht gestelzt zu rationalisieren versuchen. Ich könnte mir aber vorstellen, wie es zu diesem Missverständnis kommt: Menschen, die meinen mit NS-Ideologie könne man Probleme des 21. Jahrhunderts lösen, argumentieren oft aus der Perspektive der Bevölkerungsentwicklung gegen Abtreibung. Sie teilen damit das Anliegen des christlichen Lebensschutzes, nicht aber das Argument für dieses Anliegen. Denn die Bevölkerungsentwicklung hat uns als christliche Lebensschützer nicht zu interessieren.


jobo, auch von mir vielen Dank für die Kommentare. Ich wollte noch was dazu und noch etwas weiterführendes sagen, aber Kommentare sind in ihrer Länge limitiert. Und da mir schonmal Logorroeh vorgeworfen wurde, wird das hier auch wieder lang.


ad 1.) "Wie sieht jemand aus, der das Kreuz zu tragen verdient?" Hier sprichst Du indirekt einen Punkt an, der mich immer wieder bewegt und mir, wenn ich ehrlich bin, auch ein wenig zu schaffen macht. Nun muß ich zugeben, daß ich nicht gerade Mister Fashion sense bin und durch meine bewegte musikalische Vergangenheit (als Musikfan) durchaus zu nicht gerade "konservativ" aussehender Montur neige. Sagen wir es simpler: Ja, ich habe eine prollige Militärhose, ich besitze Springerstiefel mit 20 Löchern und ich besitze (aus alten Tagen) noch eine Hose mit Ketten und Riemen dran. Das ist meine Gabber-Hose. Das ist jetzt mir auch alles zu extrem und selbst als ich noch die Hosen / Springerstiefel mochte, bemühte ich mich, meine schwarze Pracht nicht beim Kirchgang anzuziehen.
Aber auch jetzt fühle ich mich so wie ich bin trotz aller Ansichten, die man teilt, nicht wohl unter konservativen Christen. Ausnahmen bestätigen die Regel, natürlich. Vielleicht sind es eigene Komplexe, aber ich denke immer, daß ich in katholischen Kreisen eher der Botschafter aus der Welt der prolligen Physiknerds bin. Willkommen, aber ein Gast. Wenn ich also mit in der christlichen Menge das weiße Kreuz trage - gehöre ich dann zu meinen Glaubensbrüdern? (bewußt paradox formuliert) Ich war deshalb erleichtert, als ich am Ende des Weges einen Katholiken mit einem Longsleeve zu Ehren des Bezirkes Wedding sah. Ein Longsleeve, daß ich mir auch holen werde, übrigens :)

ad 2.) hier sprichst Du einen wichtigen Punkt an, auch wenn ich gestehen muß (und hoffentlich nicht als rechts damit gelte), daß es mir Sorgen macht, wie dünn gesäht die Nachkommenschaft dieses Landes sein wird. Aber das steht auf einem anderen Blatt und hat, wenn man sich dem Thema "Lebensschutz" widmet, nichts verloren. Hier geht es nämlich nicht darum, ein "deutsches deutschland" zu erhalten und auch nicht darum, für den Nachwuchs des Christentums zu sorgen - es geht um Menschen, die sich nicht nur nicht wehren können, sondern denen das Leben und Menschsein selbst abgesprochen wird.
Oft wird auch von rechten Kreisen Sorge darüber geäußert, daß dieses Land langsam muslimisch wird, weil (mal blöd gesagt) die Deutschen halt abtreiben. Wie weiter oben gesagt, macht es mir auch Sorgen, wie die Geburtenraten zurückgehen, aber wir Christen sollten doch nach 2000 Jahren Kirchengeschichte, nach Missionaren wie Franz Xaver Rene Goupil, daß es noch andere Wege gibt, eine christliche Kultur zu fördern, zu verbreiten und zu erhalten als Kinder in die Welt zu setzen.

Noch ein Punkt zum Nazi-Vorwurf: John Zmirak weist in seinem Buch "The Bad catholics guid to wine, whiskey and song" darauf hin, daß (hier versteht mich bitte nicht falsch und vor allem laßt mich ausreden) manche Christen zu einer einseitigen Versteifung auf das Drama Abtreibung neigen. Abtreibung ist ein Problem, und da es so scheint, als gehörten wir im Augenblick zu den wenigen, die wissen, was Abtreibung heißt (nämlich Mord), ist es auch eines der größten Probleme dieser Welt - aber eben nicht das einzige! Und wenn kath.net dem Kardinal Cañizares in den Mund legt, er fände Abtreibung schlimmer als Kindesmißbrauch (wobei er vllt etwas ungeschickt, aber völlig korrekt sagte, daß das nicht zu vergleichen sei), dann kann man vestehen, daß hier Leuten die Sicherungen durchbrennen können. Selbst ich war damals als noch recht junger Katholik verwirrt, als ein Freund von mir, auf meinen Einwand gegen George Bush (ich halte nicht viel von Leuten, die derart viele Todesurteile unterschreiben) meinte "Ja, aber das sind wenige im Vergleich zu den Leben, die er durch seine Abtreibungspolitik gerettet hat". Leben sind nicht gegeneinander aufzurechnen. Ich denke sogar, daß wir uns hier dem Herz des Lebensschutzes nähern: Leben ist IMMER lebenswert. Es ist egal, ob jemand ein guter oder schlechter mensch ist, ob er alt oder jung ist, oder eben noch gar nicht geboren.
Wie gesagt: Ich denke nicht nur, daß die Abtreibung ein großes Problem ist, die Abtreibungspolitik, die Verharmlosung des Abtreibungsaktes und das Alleinlassen der Frauen mit PAS ist die himmelschreiende Sünde unserer Zeit und neben der Euthanasie das grausamste Indiz für die Kultur des Todes. Nur darf bei allem, was man sagt, nie der Eindruck aufkommen, man wolle Abtreibungen gegen andere Schandtaten aufrechnen.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für Deinen kommentierenden und weiterführenden Beitrag, Phil! Ich arbeite derzeit an einem Text, der klarstellen soll, was „Lebensschutz“ als Ausdruck christlicher Ethik bedeutet. Vielleicht möchtest Du ja einige Gedanken dazu in Deinem Blog zur Diskussion stellen. Liebe Grüße, Josef

FingO hat gesagt…

Gerne!

Christian hat gesagt…

ad 2) jobo72 bringt es sehr gut auf den Punkt; meinetwegen kann man dieses demographische Argument flankierend verwenden (als Ausdruck allgemeiner Kinderfeindlichkeit), aber es ist absolut nicht zentral.

ad 1) Obwohl mir niemand tief in die Augen gekuckt hat, kann ich dein Unwohlsein nachvollziehen, wobei ich noch nicht genau weiß, woran's liegt - an mangelnder Offenheit?