Mittwoch, August 01, 2012

Die Moral bei Tolkien am Beispiel Luthiens

Vor kurzem habe ich von einem Buch von Kirill Eskov gelesen, daß quasi den Herrn der Ringe (und einiges, was später passiert) "mal von einer anderen Seite" beleuchtet, nämlich aus Sicht Mordors.

"Mal von einer anderen Seite"... das ist für mich so eine Unfloskel wie "Ich denke selber" oder "kritisch hinterfragen". Oft ist das, was folgt, einfach Grütze.

Na ja. Ich habe das Buch nicht gelesen, vielleicht werde ich es noch tun. Rezendenten haben sich jedenfalls riesig gefreut, da die "Moral bei Tolkien ja recht simpel gestrickt" sei. So dualistisch und so. HM.

Also erstens: Tolkien hat nicht einfach Fantasy-Unterhaltungsliteratur geschrieben. Es ist kein Fan-Roman in den Gefilden von Aventurien, so spannend und gut das auch sein mag. Der Romanzyklus über Mittelerde ist ein Mythos. Das war Tolkiens Ziel, was mit den kurzen Skizzen schon in den frühen Jahren des 20.Jhs begann - wenn ich mich recht entsinne, mit einer Fassung Earendels Fahrt nach Valinor, einer Geschichte über Aelfwine aus England (Cottage of the Lost Play?). Aber egal - jedenfalls: Ein Mythos. Und in diesem Mythos gibt es, wie so oft in Mythen, gute und böse. Da es sich hier um Archetypen handelt. Wäre es eine einfache, diesseitige Geschichte, würde man natürlich zurecht "beide Seiten" betrachten. Hier aber sind Morgoth und Sauron die Bösen schlechthin, die Nazgul auf der einen und die Orks auf der anderen Seite Wesen, die von der Macht des Bösen so weit korrumpiert sind, daß sie "gefallen" sind. Nein, in Tolkienscher Mythologie sind die Orks nicht einfach ein Volk wie die Elben oder Zwerge.

Zum Zweiten: Einfache, dualistische Moral? Oh, I beg to differ. Wie ist es denn mit Figuren wie Feanor, dem Erschaffer der Silmaril? Höchstbegabter der Noldor fing er in diesen Kristallen das unbefleckte Licht der zwei Bäume ein. Doch der Stolz auf sein Werk hat ihn korrumpiert, so daß er einen letztlich blasphemischen Eid schwor, ein Massaker an den Gestaden Valinors zu verantworten hat und einen großen Teil seines Volkes verriet, als er die Schiffe, in Mittelerde angekommen, anzündete. Wirklich, sehr eindimensional.

Aber ich wollte eigentlich auf ein, meiner Meinung nach deutlich interessanteres Beispiel aufgreifen: Luthien Tinuviel, das schönste Wesen, was in den irdischen Gefilden jemals gesehen war, Tochter von Thingol, dem König der Sindar und Melian, einer Maia, sozusagen einer höheren Macht, mit einem Engel vergleichbar. Wenn Carcharoth, auch Anfauglir ("the Jaws of Thirst") genannt, versucht, Beren und Luthien aufzuhalten, verzaubert ihn Luthien, so daß er schläft. Das klingt jetzt erstmal nach irgendso ner Fantasy-Druiden-Trulla oder so, die einfach mal so nen Zauber macht, der böse Wesen in den Schlaf schickt, aber lesen wir, was Luthien zu Carcharoth sagt: "O woe-begotten spirit, fall now into dark oblivion and forget for a while the dreadful doom of life". Jetzt stellt sich dieser "Schlafeszauber" schon ganz anders dar: Dem ewig durstigen Werwolf, der von seiner eigenen Bosheit getrieben ist, dieser letztlich verdammte Seele schenkt Luthien einige Minuten Ruhe. Man könnte sagen, daß die Leidenschaft oder Sünde ihn für einige Zeit nicht weiter umhertreibt.
Diese Interpretation wird später noch einmal forciert, nämlich, wenn Luthien vor Morgoth tanzt: "She cast her cloak before his eyes and set upon him a dream, dark as the Outer Void where he once walked alone". Hier wird an den Ursprung Morgoths erinnert: Als Melkor, höchster aller Ainur, der Geister Illuvatars wanderte er vor der Erschaffung der Welt durch die Leere, auf der Suche nach der Ewigen Flamme. Dort war er zwar schon eitel, aber noch gut, er war nicht einfach Herr der Sklaven, der er später wurde, sondern war von einem sicherlich stolzen, aber nicht in sich bösen Eifer (wie später die Geschichte der Erschaffung der Zwerge zeigt) besessen, Leben zu erschaffen. Diese Erinnerung schenkt Luthien ihm im Schlaf, das Thema wiederholt sich: Sie zeigt ihm, wer er einst war und schenkt ihn in seiner Selbstgeschaffenen Hölle einen Moment der Ruhe.
Nun könnte man noch auf das Lied, was Luthien vor Mandos singt und dabei letztlich an den dritten Gesang des Großen Liedes vor Illuvatar erinnert eingehen - aber der Punkt, den ich klar machen will, ist klar: Die Moral ist keineswegs einfach gut/böse. Es gibt mit Leuten wie Feanor und, sicherlich nicht so deutlich, mit seinen Söhnen, Gestalten, die nicht einfach böse, sondern gefallen sind (und, wie im Fall von Maedhros zu sehen, durchaus umkehren können). Und auch die Behandlung der Bösen ist nicht einfach "hau drauf, is böse"; selbst dem Urvater des Bösen selbst wird ein Moment der Ruhe geschenkt.

Vielleicht würde es schon viel helfen, wenn die Leute die Werke Tolkiens nicht einfach lesen würden wie eben einen drei Euro Fantasy-Schinken. Gegen die ist nichts zu sagen, aber es ist halt falsch, so heranzugehen. Ein ansatz für ein tieferes Tolkien lesen (und letztlich Quelle von allem hier geschriebenen, so klug bin ich ja nicht) ist das Seminar vom Tolkien Professor, Cory Olsen.

2 Kommentare:

Tiberius hat gesagt…

Ich war schon ganz ehrfürchtig nach der profunden Darstellung. Aus Deiner Feder geschrieben wärest Du damit sicher einige Nerd-Level aufgestiegen.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Selbst dem drei-Euro-Leser sollte eigentlich auffallen, daß die schwarz-weiß Theorie bereits an Sméagol/Gollum scheitert.