Sonntag, Mai 01, 2011

Die Fakten der Naturwissenschaft - Gedanken

Letztens las ich bei Alipius folgenden Beitrag eines Atheisten:

Ich warte auf die nachweisbaren Einflüsse Gottes auf die Natur. Ich forder nicht viel. Nur einen unwiderlegbaren Nachweis eures Gottes in der Schöpfung, für den Respekt eurer Religion. Auf molekulare Ebene bitte.


Es sind zwei Dinge, die mich daran stören. Ein Punkt, den ich hier jetzt nicht behandle, da ich das schon hier tat, ist das so genannte "Bringschuld-Argument". Es ist, drücken wir es freundlich aus, mehr als diskutabel, ob eine Ideologie gegen eine bestehende Meinung einfach behaupten kann, es gebe keinen Gott und statt eine treffende Widerlegung zu liefern einen Beweis verlangt. Streng genommen ist das, wie schon Josef Bordat ausführlich deutlich machte, auf dem Niveau der ID-Freunde und Kreationisten; man kann eben auch nicht einfach gegen ein bestehendes, sich etabliertes Gedankenkonstrukt wie die Evolutionstheorie (und nein, es ist nicht "nur eine Theorie", aber das ist was anderes) mit der Forderung nach "Beweisen" eine angeblich Biblische Schöpfungslehre hochhalten.

Ein Punkt, auf den ich genauer und allgemeiner eingehen will, ist die Forderung nach knallharten Fakten. An dieser Forderung werden sich unweigerlich die Geister scheiden; Dinge, die für uns Christen Fakten sind, sind für Ungläubige Menschen Gefühlsduselei oder ähnliches. In der Hinsicht hat man schon sehr unterschiedliche Vorstellungen von Fakten. Josef Bordat hat in seinem Kommentar weiterhin darauf hingewiesen, daß man damit letztlich nur einen Lückenbüßer Gott sucht, mir geht es hier jedoch um eine andere Frage. Mir geht es dabei jetzt auch nicht mehr um die Debatte mit Atheisten, es sind eher allgemeine Gedanken über das, was wir Naturwissenschaftler unter Fakten verstehen; das obige Zitat war also ein Aufhänger für die kommenden Gedanken.

Was ist ein knallhartes Faktum? Sind die Erkenntnisse der Quantenmechanik das? IST die chemische Bindung identisch mit dem, was wir über die LCAO-Methode als molekulare Bindung ausrechnen? Wie sieht ein Vand der Waals-Potential aus?
Nein, mir geht es beileibe nicht um irgendein postmodernen "What the Bleep to we know"-Scheiß, wir wissen verdammt viel. Ich kritisiere keines der genannten Dinge, schließlich sind sie mein täglich Brot; ohne die Quantenmechanik wäre ich ein komplett frustrierter Chemiker und meine Diplomarbeit Tinnef.
Aber wir müssen uns doch hier klarmachen, daß die Physik mit Modellen arbeitet. Modellen, die durch den Experimentellen Befund erarbeitet wurden, Voraussagen ermöglichten und somit sich bewährt haben. Hier könnte man noch hinzufügen, "die sich für bestimmte Problemstellungen bewährt haben". Wenn wir den makroskopischen Druck erklären wollen, reicht ein reines Partikelmodell vollständig aus; wie ein Atom bzw. Molekül wirklich aufgebaut ist, ist dann vollkommen irrelevant. Bis zur Femtochemie (d.h. Untersuchung chemischer Prozesse auf einer Femtosekunden-Zeitskala) kann man die elektronischen Übergänge zwischen verschiedenen Zuständen oft von der Bewegung der Kerne (bspw. eines Moleküls) entkoppeln und sie als "instantan" ansehen - was sie freilich nicht sind, wie spätestens die Attosekunden-Spektroskopie lehrt. Heavens, das Bohrsche Atommodell, so simpel es auch nach heutigen Stand ist, leistet einen wunderbaren Dienst bei der Modellierung der Übergänge in einem Wasserstoff-Atom!

Natürlich sind das alles "knallharte Fakten". Genauso wie Phononen, Exzitonen, Plasmonen, Löcher und was es sonst so als virtuelle Teilchen gibt.
"MOOOMENT - VIRTUELLE TEILCHEN SIND FAKTEN?" - Natürlich, ich kann kohärente Phononen anregen, Über sie Reaktionsprozesse triggern und so genannte Fuchs-Kliewer-Phononen haben in einem Schwingungsspektrum eine derart hohe Response, daß sie in einem Schwinungsspektrum alle Adsorbatschwingungen bei weitem übertreffen! Sie sind keine Teilchen im klassischen Sinne, aber als quantisierte Schwingungsmoden eines Festkörpers kann man, da sie abzählbar sind, sie sehr wohl als Teilchen betrachten. Trotzdem werde ich nie jemandem ein einzelnes Phonon in meiner Hand zeigen können (was mit einem Elektron theoretisch möglich ist), das knallharte Faktum bleibt also bei passender Fragestellung aus- zumindest, wenn der Fragende ein verbissener Vertreter des klassischen Teilchenmodells ist.

Seht ihr, worauf ich hinaus will? Die "knallharten, empirischen Fakten" sind so, wie es der Atheismus von der Religion verlangt, bei vielen physikalischen nicht zugegen. Das soll keine Unsicherheit hervorrufen! Es soll lediglich gesagt werden, daß die Physik sehr oft mit Modellen arbeitet, die nahe an der Realität dran sind, aber selbst schon eine Interpretation derselben. Das ist jedem Physiker bewußt. Leider vielen anderen nicht. Das führt dann dazu, daß entweder davon geredet wird, daß die Relativitätstheorie durch den Tunneleffekt "widerlegt worden sei" oder daß nach der Quantenmechanik alle wissenschaftliche Welt in einer großen "was können wir nun exakt sagen"-Krise stecke. Beides ist Bullshit, verzeihung für die Wortwahl, und ich denke, daß diese Irrtümer sehr eng mit dem Problem des schlechten Dialogs zw. Atheisten und religiösen Menschen führen.

Ich kann mich noch zu Schulzeiten erinnern, daß uns, wenn man ein altes, überkommenes Weltbild präsentierte (wie es dann "widerlegt" bzw. erweitert wurde) oft ein Dualismus zwischen Vollidioten, die noch an das ja offensichtlich falsche glauben und wahnsinnig klugen Köpfen, die das Neue, Richtige bringen vorgegaukelt wurde. Das fing mit dem heliozentrischen Weltbild an und hörte mit Einstein vs. Quantenmechanik auf. Das wurde uns jedenfalls damals so eingeprügelt, daß ich, als ich von Keplers Modell der platonischen Körper hörte, mich fragte, wie blöd der denn gewesen sein mußte, um so einen Schwachsinn zu fabrizieren. Lee Smolin (mit seinem phantastischen Buch The Trouble with Physics , was ich nun zur Pflichtlektüre erkläre) war dann einer, der mir die Augen öffnete, indem er auf die Eleganz und Schönheit dieses Ansatzes hinwies - wenn er doch auch nicht imstande war, das Sonnensystem zu erklären. Außerdem sah ich, daß wir Physiker immer noch mit unseren "platonischen Körpern" arbeiten; wir beschreiben ein Potential der Rotationsniveaus eines zweiatomigen Moleküls mithilfe eines harmonischen Potentials, nutzen das Morse-Potential aus, um Chemisorption zu modellieren, wir reden von der "Starrer Rotor-Näherung", sagen, daß wir diesen und jenen Peak gaussförmig annehmen.... DAS sind unsere modernen platonischen Körper, ein mathematischer Baukasten, den wir bei Bedarf zur Modellierung des Universums brauchen!
Nein, es wurde oft nicht die "blöde Mehrheit" widerlegt. Wenn man sich den Lauf der wissenschaftlichen Geschichte ansieht, wurde vielmehr oft ein Weltbild erweitert, in einem anderen Kontext beschrieben. Das passierte mit der Relativitätstheorie wie eben auch mit der Quantenmechanik - und eben auch mit dem heliozentrischen Weltbild. "Ich kann Dir den Stand der Planeten wunderbar mit Epizyklen berechnen" sagte ein atheistischer Freund bei einem Kaffeeplausch mal passend zu diesem Aspekt: Wenn es uns um Himmelsmechanik, um die Frage, wann der Mars über Berlin aufgeht, geht, ist es besser, von einem geozentrischen Modell auszugehen denn von einem heliozentrischen. Es kommt hier auf die Fragestellung an, die Fakten liefert.

Vielleicht wäre das ein (zugegebenermaßen zu pluralistischer) Ansatz für einen Dialog: Was für eine sinnvolle Modellbildung gibt es für das, was die religiösen Menschen Gott nennen? Und nein, ich meine jetzt nicht "Die Kirche erfand ihn, um die ängstlichen Leute zu unterdrücken"; atheistische Regimes haben sehr gut gezeigt, daß es nicht die Religion braucht, um Leute zu unterdrücken, vor allem gehen solche Äußerung an der eigentlichen Fragestellung vorbei: Was ist das, was uns Christen die Hoffnung verleiht, diese Dimension der Tiefe in unserem Leben? Wie läßt sich das säkular fassen? Nicht, daß ich sofort daran glauben würde, aber ich denke, wenn eine wertfreie Definition Gottes, ähnlich eben einem meinetwegen vereinfachten Modell der Naturwissenschaft, eine Art Diskussionsbasis wäre, wäre viel gewonnen.

Ich glaube, es war Niels Bohr, der mal sagte, daß Gott so etwas wie die Zahl i sei (also die imaginäre Zahl, wobei i^2 = -1 ist). Sicher, sie sei keine realistische Zahl, denn von negativen Zahlen kann man keine Wurzel ziehen. Aber für vieles sei es wichtig und sinnvoll, mit komplexen Zahlen zu rechnen, so lassen sich Schwingungen als Exp[iwx] ausdrücken. Zwar ist mir der Ansatz zu utilitaristisch, aber mir gefällt er, da, i als Modellierungstool für Schwingungen nutzend, sehr wohl real nach obiger Definition ist und er letztlich damit eine sehr liebevolle im besten Sinne tolerante naturwissenschaftliche Erklärung für das Phänomen Gott umriß.

2 Kommentare:

FingO hat gesagt…

Josef Bordat, Teil eins:

Lieber Phil!

Das, was Du über das Verhältnis von Wirklichkeit und Modellen der Wirklichkeit sagst, finde ich sehr richtig und wichtig, auch wenn wir in der Deutung der Deutungsbehaftetheit aller Aussagen über die Wirklichkeit wieder auseinandergehen, insofern, als Du die Räume eher eng machst, ich hingegen darin ein prinzipielles erkenntnistheoretisches Problem sehe – und damit den Deutungsbegriff überdehne. Zugegeben: Vielleicht in einer gewissen Überreaktion auf Menschen, die mich der Wissenschaftsfeindlichkeit bezichtigen, weil ich mich eben gegen die Auffassung wehre, die Wissenschaft zeige eins zu eins die Wirklichkeit, wie sie ist, und da sie Gott nicht zeige, Gott folglich nicht wirklich sein könne; sowas – auch wenn es am Thema vorbeigeht – provoziert mich eben, die Gleichsetzung von Wissenschaft und Wirklichkeit noch deutlicher zu hinterfragen als Du, damit klar wird, dass man so nicht über Gott sprechen kann. Es ist jedenfalls gut, dass ein Physiker die Deutungsidee in der Modellbildung betont – das geht nämlich bei den Physikalisten, die diese Deutungsidee deuten, regelmäßig unter.

Und – zur Diskussion mit Nicht-Glaubenden über Gott. Im Wohnheim habe ich mich mal mit einem ostasiatischen Studenten über deutsches Essen unterhalten. Er wollte von mir wissen, wie eine Currywurst schmeckt. Da sind wir dann zur nächsten Imbissbude gegangen und haben eine Currywurst gegessen. Dann hat er gesagt: „Ah, so schmeckt Currywurst.“ Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären, die muss man erfahren. Zu diesen gehört der Geschmack von Currywurst. Es bringt nichts, jemandem die chemische Zusammensetzung aller Zutaten aufzulisten (die ich im übrigen so genau auch gar nicht kennen will). Der Geschmack ergibt sich beim Schmecken.

Und Gott? Gott ergibt sich im Glauben. Das ist ein scheinbares Paradox, hängt aber mit dem Wesen des Glaubens als „Antwort auf Gnade“ zusammen: Es braucht beides – Gnade und Antwort. Man kann nicht Gott philosophisch herauspräparieren und dann sagen: Glaube ich! oder Glaube ich nicht! Wer so glaubt, glaubt an einen Begriff von Gott als regulative, nützliche, praktische, funktionalistische, machterhaltende, was-auch-immer Idee, aber nicht an Gott.

Zwar ist es verständlich, dass wir Theorien oder zumindest Konzepte davon haben wollen, wie wir uns Gott vorstellen. Diese brauchen wir, um überhaupt von Gott reden zu können. Doch müssen wir wissen, dass damit etwas über das Unsagbare ausgesagt wird. Dies ist der Schritt weg vom Diskurs zur Devotion. Wer den nicht zu gehen bereit ist, kann nicht zu Gott kommen. Deswegen ist der Glaube, wie Peter Wust sagt, ein „Wagnis“.

FingO hat gesagt…

Josef Bordat, Teil zwei:

Wir sind es gewohnt, verbal zu erklären, um zu verstehen. Wissenschaft funktioniert so, aber auch gesellschaftliche Alltagspraxis. Religion zielt aber auf etwas, das sich so nicht restlos erfassen lässt, weil hier die subjektive Wahrnehmung eine Rolle spielt (auch, aber nicht nur; hinzu kommt ein historischer Verständigungsprozess über Formen subjektiver Wahrnehmung, der Geteiltes tradiert und Sondererfahrungen kritisierbar macht – Religion ist insoweit nicht ein „Reich der Beliebigkeit“). Wenn also Gott der ist, der sich im Leben der Glaubenden als der erweist, der da ist (sein Name JHWH deutet das an), dann wird es schwer mit der Vermittlung des persönlichen Begriffs vom personalen Gott gegenüber Menschen, in deren Lebenserfahrung Gott eben nicht da ist.

Vielen Dank nochmal für den Beitrag!

Josef