Josef schrieb (schrub? schrob? na ja...) einen wunderschönen Artikel über Glaube und Wissenschaft, ja, über den Glauben der Wissenschaftler. Das hat mich an mehrere Gespräche auf der Wallfahrt nach Turin letzten Monat (dymphnaswelt berichtete noch nicht) erinnert: Mehrmals kamen Pilger auf meinen Vater und/oder mich zu und fragten, wie es gerade uns als Physiker hierher verschlug bzw. dankten uns dafür, daß "wir als Physiker" dem Grabtuch Ehre zollen.
Was mich dabei immer wieder erstaunte, war, wie fremd doch "der" Naturwissenschaftler diesen Pilgern war, und wie stark von Klischees ihr Bild bestimmt war. Wie unbekannt sich doch der (nichtreligiöse) Naturwissenschaftler und der einfache Christ anscheinend sind!
Ich gewann den Eindruck, daß viele Christen denken, mit der Wissenschaft sei es wie mit einem Krieg - oder zumindest wie mit einem Streit darum "wer Recht hat". Manchmal mag es ja so sein. Bei den Astrophysikern und Kosmologen, und den Erforschern des Standardmodells habe ich manchmal diesen Eindruck: religiöse sehen in jedem Phänomen DEN Hinweis auf Gott schlechthin (und dann ist der Fall abgeschlossen), atheistische Wissenschaftler zeigen, daß es auch ein Modell ohne Gott gibt (was zwar manchmal eher hanebüchen ist, aber hey - Gott kommt nicht vor). Diese Leute streiten nicht um Gott, sondern um einen Lückenbüßergott. Genauso könnten wir darüber streiten, ob der Euro, den ich grad fand, Gottes Fügung oder mein Glück ist.
In der Physikalischen Chemie sind solche Fragen - Gott, Freier Wille, Seele - eher irrelevant. - Nicht, daß sie den einzelnen beschäftigen und jeder seine Meinung dazu hat, aber was mich immer wieder freut ist, wie man gemeinsam forscht, einer bestimmten Frage nachgeht, die das jeweilige System uns gerade stellt - eben der Wahrheit über die Schöpfung auf der Spur ist! Das ist der Antrieb der meisten Wissenschaftler (gut, bei manchen mag es das Funding sein) - nicht, den "auf der Gegenseite" etwas auszuwischen.
Was heißt das für uns als religiöse Leute? Naturwissenschaftler mögen keinen Eid des Hippokrates geleistet haben, aber er ist der Wahrheit verpflichtet. In der Hinsicht brauchen wir, die wir an "den Weg, die Wahrheit und das Leben" glauben, die Naturwissenschaftler nicht zu fürchten.
Konkret in diesem Zusammenhang ging es ja natürlich oft um die Frage der Radiokarbonmessungen am Grabtuch. Und auch hier sollten wir vorsichtig sein, den untersuchenden Wissenschaftlern Lüge oder Bosheit zu unterstellen. Es sollte auch uns Christen nicht einfach darum gehen, das Turiner Grabtuch zu verteidigen - was wir jedoch verteidigen, oder einfordern - das ist die Wahrheit. Und das bedeutet, daß man eben diese Ergebnisse der Radiokarbonmethode nicht mit einer "us versus them"-Mentalität hinterfragt. Ein Mensch, der der Wahrheit dienen will, fragt immer konstruktiv. Das heißt in diesem Fall, daß man fragen muß, was das Radiokarbon-Ergebnis in die Richtung beeinflusst haben kann. Könnte es sein, daß dieser Randbereich bei allen Ausstellungen in Berührung mit der Umwelt kam? Könnte der Brand seinen Einfluß hinterlassen haben?
Und das bedeutet umgekehrt, falls man die Radiokarbon-Ergebnisse für hundertprozentig richtig hält, daß man sich fragen muß, woher die Pollen auf dem Tuch kommen und woher die Ähnlichkeit zw. dem Abbild auf dem Tuch und der Ikonographie (des Ostens!) kommt. Und woher die eigentlich doch ganz gut dokumentierte Geschichte des Tuches kommt (sorry, im Vergleich zu so manch anderem historischen Gegenstand kann man doch hier recht viel sagen). Und beide Seiten werden sich fragen müssen/wollen, wie genau dieses Bild zustande kam.
Diesen Fragen wird nachgegangen, auf unterschiedlichste Weise. Was ich nur sagen will, ist, daß beide Seiten konstruktiv sein sollten. Dem atheistischen Wissenschaftler sollte es nicht darum gehen, den Christen ein Schnippchen zu schlagen, und den Christen nicht darum, auf "Teufel komm raus" an der Echtheit festzuhalten und sich notfalls gegen die "mechanistische Vernunft" zu verschanzen. Eben: Fürchtet die Wissenschaft nicht! Sie dient der Wahrheit.
5 Kommentare:
Mittlerweile geben die Forscher zu, dass die Stoffstücke, die in den 80-ern für die Radiokarbonmethode verwendet wurden, aus einem mittelalterlichen Flicken des Tuches genommen wurden. Die Probenentnahme wurde gefilmt, und mein Großvater, der sich sehr intensiv mit dem "Sindone" befasst hat, bemerkte diesen Umstand bereits damals, als die Sendung zu dem Thema ausgestrahlt wurde.
Na ja, so wie ich das gesehen hab, ist das von einem Flickennahem Stück. Außerdem muß ich hier eine Lanze für die genannten Forscher brechen: Wenn man die damalige Originalveröffentlichung liest, merkt man, wie vorsichtig man sich ausdrückt - ganz anders als die sich Wissenschaftlich nennende Presse wie die PM oder Spektrum der Wissenschaft, die wahrscheinlich als Überschrift "FÄLSCHUNG" genommen hätten. Es werden der Ergebnisse der zu untersuchten Proben behandelt - nicht mehr.
Man muß auch fairerweise den Forschern zugute halten, daß sie nicht einfach (plump ausgedrückt) was aus der Mitte hätten schneiden können.
Aber auch dieses Flickennahe Stück war eben eines der Randstücke, die ständig in den Händen von Leuten waren.
Man darf auch nicht vergessen, wie das Tuch aufbewahrt wurde, Einflüsse des Brandes können auch nicht unterschlagen werden.
Aber für mich ist es generell, bei allem Respekt vor den Ergebnissen, ohnehin schwierig, die aussagen zu bewerten, wenn man nicht weiß, wie dieses Bild auf das tuch kam. Wir wissen absolut nicht, was für Einflüsse diese "Bildprägung" auf das Tuch hatte.
Was ich nur generell mit dem Beitrag, und dem konkreten Beispiel ausdrücken wollte, ist, daß man nicht denken soll, man müsse gegen die Naturwissenschaftler kämpfen.
Lieber Phil,
Danke für das Lob und den Verweis!
Wenn Dir der Artikel zugesagt hat, kannst Du sicherlich auch etwas mit dem letzten Blog-Text "Im Herzen bewahrt und erwogen. Marianisches Gottvertrauen und das Geheimnis des Glaubens" anfangen (v.a. Abschn. 1).
Herzliche Grüße nach Berlin,
Josef
Also kommt noch ein Bericht über die Reise nach Turin? Würde mich freuen- war auch da und bin immer noch sehr beeindruckt, und dieser Zustand wird wohl auch noch lange andauern...Ich finde es immer hochinteressant zu sehen, wie verschiedene Leute ein solches Erlebnis wahrnehmen.
Der Bericht wird hoffentlich noch kommen :)
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