Ich habe mich sehr gefreut, daß der Hl. Vater hier betont hat, daß man auch vom "Gleichnis des barmherzigen Vaters" sprechen muß. Denn der Vater, auf den ersten Blick eine Nebenfigur, spielt hier wie immer die Hauptrolle. Betrachten wir doch mal, wie sich der verlorene und der zurückgebliebene Sohn ohne den Vater verhalten würden:
Der ältere Sohn: Sagen wir, er hat bei allem Streß, bei allem Alltag, den die Mithilfe auf dem Hof des Vaters nun erfordert, den Vater aus dem Blick verloren. Die Arbeit kann für ihn zur Routine werden, etwas, daß eigentlich gar nicht mehr um den Gutshof des Vaters geht, sondern eigentlich nur noch um die Verwaltung irgendeines Gutshofes. Da wunderts nicht, wenn er keine Freude mehr hat... Trockenheit ist die Folge.
Eine weite Folge könnte Überheblichkeit sein: "Ich bin nun schon seit xyz Jahren im Dienst des Vaters, und deshalb weiß ich, was wichtig ist." Man hört nicht mehr auf Impulse, die zurückgekehrte oder gerade erst dazugestoßene Brüder liefern können. Denn man selber weiß ja, "wie das geht".
Der jüngere Sohn: Voller neu gefundener Liebe zum Vater wird er bei der Arbeit am Hof geradezu glühen! Aber nach einiger Zeit könnten die edlen Gewänder, in die er gekleidet wurde und der Ring am Finger - wieder, wenn der Alltag zuschlägt und der Vater aus dem Blickfeld verloren wird - ihm zu Kopf steigen. Er erzählt dann in glühenden und illustrativsten Worten von den Nutten und dem Wein, von den Schweinen und schließlich vom großen Fest beim Herrn. Älteren Söhnen, die dieses Fest nicht miterlebten, kann das angeberisch vorkommen.
Außerdem kann der Frische Wind, den sie auf den Hof des Vaters tragen, genährt von Selbstliebe leicht zu einem zerstörerischen Sturm werden. Schließlich weiß der zurückgekehrte Sohn doch viel mehr, wie gut der Vater ist, er ist viel, viel begeisterter dabei und so weiter und so fort.
So kann, wenn der Vater mal auf Reisen ist, schnell ein Streit zwischen den Söhnen - auch bei der Arbeit am Hof! - ausbrechen. Was kann uns hier helfen? Der Vater allein. Und darf es um nichts anderes als den Vater gehen, nicht um Unsere Gespräche mit dem Vater, unsere Ideen des Hofes oder unsere Erfahrungen mit der Außenwelt (und schon gar nicht um die großen Feste :) )
Wir brauchen also Demut, Demut, Demut. Dazu gehört der gegenseitige Respekt, das Einräumen der Möglichkeit, daß der heißköpfige Jungspund von Konvertit bzw. der verzauselte Amtskirchenvertreter Recht haben kann. Es mag nicht so sein, und es ist auch richtig und wichtig im Geist der Liebe mit den Brüdern zu reden, aber was ich bei mir oft sehe, ist, daß aus "Vertreten der Wahrheit" schnell nur noch arrogantes Beharren auf meinem Standpunkt wird. Damit das nicht passiert, ist wichtig, daß es einem um die Wahrheit geht, und nicht um die eigene Sicht der Wahrheit. Da nun Christus und der Vater eins sind, Christus wiederum der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, sind wir, wenn es uns um die Wahrheit geht, und zwar derart radikal, daß wir auch bereit sind, eine Beschämung in Kauf zu nehmen, beim barmherzigen Vater.
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