Es ist schon lange her, als ich mit einem Freund der traditionalistischen Seite eine recht federlesende Diskussion hatte - oh ja, ihr glaubt es kaum, ich mieser Modernist rede mit Traditionalisten, nenne sogar welche meine Freunde ;) -.
Da gab es zwei Punkte, über die ich lange nachgedacht habe.
1.) "Weißt Du, Philipp, ich möchte nicht richten, aber wenn ein Mensch die Möglichkeit hatte, jeden Tag in der Bibel zu lesen, aber lieber fernsah, dann kommt er, meiner Vernunft nach, in die Hölle." Meinen Einwurf, daß Gott doch unendlich barmherzig sei, quittierte er mit "Aber auch unendlich gerecht."
Gut, unsere Gerechtigkeit ist nicht Gottes Gerechtigkeit. Aber trotzdem laßt mich die These vertreten, daß unser Gerechtigkeitssinn nicht bermherziger/vermessener als Gottes ist. Vor den weltlichen Gerichten ist bspw. die Frage des Vorsatzes oder der Schuldfähigkeit zu klären. Auf das von meinem Kollegen zitierte Beispiel gemünzt:
- Wußte der betreffende Herr über die Konsequenzen seines Verhaltens Bescheid?
Wenn nicht, kann er dann vollständig schuldfähig erklärt werden?
- Liegt eine schwerwiegende Tat vor?
So sehr ich es auch unterstützen kann, täglich im Evangelium zu lesen, scheint es jedoch weder ein Kirchengebot noch eines der Zehn Gebote zu geben, was diese respektable Frömmigkeitsform fordert.
Aber ich denke, das ist nicht sein Hauptdenkfehler. Die neue Enzyklika des Papstes widmet bezüglich der Hoffnung ein ganzes Kapitel der Gerechtigkeit und dem Gericht. Das hat mir sehr beim Verständnis des Gerichtes geholfen, daß das Gericht ein Gedanke der Hoffnung ist und nicht der Angst. Klar, auch der Verantwortung, daß dieses Leben eben etwas zählt (etwas? alles!), aber daß das "Fürchtet euch nicht!" auch am Ende aller Zeiten denen Gilt, die sich um Gottes Liebe bemüht haben.
2.) Was ich ehrlich gesagt, abstruser, aber auch komplizierter fand, war folgender Gedanke von ihm: "Ich finde es schlimmer, wenn jemand einem sagt, daß Christus nicht Gottes Sohn ist, als wenn jemand einem sagt, die Erde sei eine Scheibe." - denn mit letzterer Wahrheit würde man noch in den Himmel kommen.
Hö? Ist nicht Christus der Weg, die WAHRHEIT und das Leben? Er ist nicht nur die religiöse Wahrheit, Gott ist der Wahre, der "ich bin". Kann es dann akzeptabel sein, auf weltlichem Gebiet eine andere Meßlatte anzulegen aus auf religiösem, was die Wahrheit betrifft? Kann so ein Gedanke nicht zu einem Utilitarismus führen, daß man weltlich lügt, um Kinder vor der Sünde zu bewahren, Marke "Masturbieren macht blind"?
Andererseits - und das war der Punkt, über den ich lange nachdachte - eine unklare Vorstellung von der Erde zu haben ist wirklich nicht so wichtig wie das ewige Seelenheil. Es ist nicht mal so wichtig wie das Leben.
Und hier glaube ich, ist das Problem meines Freundes: Er vergleicht nicht nur Äpfel mit Birnen - die durchaus vergleichbar sind, birnen haben bspw. einen etwas süßeren Geschmack als Äpfel - , sondern Kürbisse mit Preiselbeeren. Die sind auch vergleichbar, jedoch werden die Preiselbeeren, was Größe und Brennwert betrifft, auf jeden Fall den kürzeren ziehen.
Ob die Erde eine Scheibe ist oder nicht, wird Deinem Leben keinen Abbruch tun, und damit auch nicht der Möglichkeit, Gott hienieden zu dienen. Wie steht es aber mit einer Lüge Marke: "Kein Mensch braucht essen, es reicht, wenn er Luft schluckt.", oder, etwas realistischer "Heroin macht weder süchtig noch ist es schädlich". Durch eine solche Lüge würde man das Leben des anderen vernichten, ihm da die Möglichkeit nehmen, zu Gott zu finden und damit auf jeden Fall etwas ähnlich schlimmes behaupten wie mit der Behauptung "Jesus ist nicht Sohn Gottes".
Na ja, mal mein Wort zum Mittwoch, live und exklusiv aus meinem Labor.
5 Kommentare:
Bin bei Pkt. 1) ganz Deiner Meinung, Phil. Das Praktizieren einer Frömmigkeitsform, und sei sie noch so ehrwürdig, kann m. E. höchstens Auswirkungen auf den Aufenthalt im Fegefeuer haben, wenn der Mensch ansonsten versucht, soweit er kann, nach Gottes Willen zu leben.
Dein Freund meint wohl, dass der betreffende Mensch in diesem Fall der Lauheit verfallen ist - und die Lauheit ist tatsächlich gefährlich, allerdings wohl nicht in sich, sondern deswegen, weil sie die Liebe zu Gott erkalten lässt und längerfristig zu einer Abwendung von Ihm führen kann. (Übrigens kann die Lauheit auch sog. fromme Christen bedrohen: man lese nur Die Lauheit von F. Carvajal, da wird einem gleich ganz anders...)
Bei Pkt. 2) ist mir unklar, was Dein Gesprächspartner meint. Du scheinst es so zu interpretieren, dass er behaupte, man dürfe über Angelegenheiten "der Welt" auch lügen. Ich sehe nur die Zitate, und das erscheint mir nicht so - gleichzeitig hast Du Recht, wenn Du meinst, er würde da Kürbisse mit Preiselbeeren vergleichen. Diese verschiedenen Arten der Kenntnis (innerweltliche Kenntnis vs. Kenntnis des Übernatürlichen) kann man auch m. E. in dieser Form, wie er es tut, nicht vergleichen. (Vgl. eine Aussage wie: "Ich finde es besser, dass Du getauft bist, als dass Du einen schwarzen Rock trägst.")
Also wenn wir schon Vorurteile pflegen dann richtig:
Wieso sollte ein Tradi die Bibel lesen, wenn er eine Novene zum unbefleckten Herzen des Hl. Judas Taddäus beten kann?
Ansonsten gut, daß es hier endlich weiter geht!
LOLZ!
Ach komm, Klischees sind doch was tolles ;) Ernsthaft: Ich unterscheide zwischen Traditionellen und Traditionalisten wie auch zw. Modernen und Modernisten. Und vllt gibts da eine Begriffsunklarheit (Babylonische Sprachverwirrung.... :( )
Diese beiden genannten -isten verbindet eines: Etwas verdammt verkrampft sehe. So verkrampft, daß derer Meinung nach eher die Kirche als sie selbst falsch liegen.
@petra:Antwort folgt, ich bin bloß HUNDEMÜDE :D :D :D
Ok, @Petra:
1.) Stimme ich Dir zu. Nur eine Ergänzung zu dem von mir geschriebenen, was ich leider nur kurz angerissen habe: Irgendwie scheinen manche Menschen das Leben eines Christen so zu verstehen: Du erfüllst Deine Pflichten, drückst tierisch auf die Spaßbremse, machst weiter Deine Pflichten und wirst im Himmel dann belohnt. Weil Du ja so tierisch auf die Spaßbremse gedrückt hast.
Das ist kein christlicher Geist. Weder kann Gott Dich nur wegen dem unterlassen des bibellesens in die Hölle jagen (wo sich die Frage ja dann auch stellt, wer einen in die Hölle schickt, Gott oderm an selbst), noch kann er Dich NUR wegen dem Einhalten der religiösen Pflichten in den Himmel heben.
Das Einhalten der Religiösen Pflichten, das Lesen des Evangeliums, das Gebet etc. dient doch vor allem einer Sache: schon jetzt, heute, hier, im Büro der FU Berlin mit und für den Herrn zu leben. Wenn wir im Himmel sind, werden wir eine Ewigkeit mit dem Herrn leben - man sollte sich also mal daran gewöhnen ;) Ernsthaft: Wenn wir nicht in diesem Leben lernen, Gott zu lieben, wann dann? So sehe ich das mit dem Lesen des Evangeliums, dem Beten des Rosenkranzes oder anderen wertvollen, aber nicht verpflichteten Frömmigkeitsübungen, und natürlich ganz voran mit dem Gebet oder den Sakramenten: Diese Übungen, aufmerksam praktiziert, helfen uns, Gott und den Nächsten lieben zu lernen (wobei ich den zwei zuletzt erwähnten Dingen sogar einen essentiellen Weert zumesse). Das Leben des Christen soll von Freude und Hoffnung durchdrungen sein, und nicht von einem miesepetrigen Pflichtgefühl.
zu 2.) Er meinte, daß man in Dingen der Welt auch lügen kann. Das ist nur ein Zitat, stimmt, aber es kam im weiteren Verlauf raus. sicher sei es nicht gut, zu lügen, auch was die Form der Erde angeht, aber es sei nicht so schlimm wie die andere Lüge. Wie ich dargestellt habe, ist die Lüge "Erde=Scheibe" absolut nicht so schlimm wie "Christus ist nicht Sohn Gottes", klar, aber wenn Du jemanden in den Tod lügst, ist das eine schwere Verfehlung gegen das Gebot der Nächstenliebe, was laut dem genannten Sohne Gottes ebensowichtig ist wie das Erste Gebot.
Ich muß aber onehin sagen, daß ich da vllt etwas pragmatisch bin. Es kursieren ja ähnliche Sprüche durch das katholische Frömmigkeitsleben, wie bspw. "Es ist wichtiger zu beten als zu essen". Sicher - ein Verhungerter kann in den Himmel kommen, während das Gebet die Nahrung für die Seele ist, und ohne die es mit dem Ewigen Leben nicht so toll läuft. Trotzdem würde ich es nie so formulieren, denn auch unser Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes, der gepflegt gehört. Wenn Gott bspw. von mir will, als Familienvater meine fümnf Kinder großzuziehen, wird er es nicht so toll finden, wenn ich mit dem Rosenkranz in der Hand verhungere - makaber gesprochen.
Ich finde den Spruch einfach unnütz. Man könnte dann auch weltlich sagen, daß es wichtiger sei, zu atmen statt zu essen, da man ohne essen mindestens ne Woche leben kann, ohne Sauerstoff aber kaum fünf Minuten. Das stimmt, wenn man jetzt aber den Schluß draus zieht, das Atmen IMMER dem Essen vorzuziehen, wird man mit vollen Lungen, aber leeren Magen trotzdem erliegen.
Außerdem bin ich hier vom Opus Dei geprägt: Ich denke, unser ganzes Leben, eben auch das Essen, das Trinken, ja, das Feiern mit Freunden, sollte Gebet werden, vom Gebet durchdrungen sein! Dann stellt sich nicht mehr die Frage, was wichtiger ist, sondern alles ist von einer Beziehung zu Gott durchdrungen. Das ist unser Ziel.
Und eben ähnlich ist es mit der Wahrheit: Wenn wir Diener, Freunde Gottes, der Wahrheit sind, dann werden wir uns mehr und mehr bemühen, es mit der Wahrheit genau zu nehmen. Und nicht zwischen innerweltlicher und außerweltlicher Wahrheit unterscheiden.
Tach Liebschen! Wie steht et um die Kunst, wat macht et Labor?
Ich find dieses Fernseh-guck-Beispiel mal wieder soo richtig dämlich. Ich bin sicher, dass es Leutz gibt, die sich jeden Abend vom Ferni beriesel lassen und die ganz weit vorne sind, wenn es im Alltag um Liebe und Barmherzigkeit geht und ich denke, dass unter den Top Ten der noch zu kürenden größten Arschlöchern des Universum auch mindestens einen eifrigen Bibelleser geben wird. Was Gericht und Gnade daraus am Ende für die Betreffenden macht, kann ich getrost dem Gott überlassen. Ich bin sicher, es wird hinterher niemand motzen und es wird keiner auf die Idee kommen einen Revisionsantrag zu stellen.
Was die weißen Lügen angeht, denke ich, das es eben genau darauf ankommt, wen man mit was belügt. Der Doc der im 2. Weltkrieg einem Offizier erzählt hat, dass in seinem Dorf Typus ausgebrochen wäre- was nicht so war- hat den Dorfleuten wahrscheinlich das Leben gerettet. Die frage ist ja nicht was man lügt, sondern warum lügt man, oder?
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