„Wichtig für die rechte Bewusstseinsbildung in Sachen Liturgie ist auch, dass endlich die Ächtung der bis 1970 gültigen Form von Liturgie aufhören muss ... Derlei hat es in der ganzen Geschichte nicht gegeben, man ächtet damit ja auch die ganze Vergangenheit der Kirche. Wie sollte man ihrer Gegenwart trauen, wenn es so ist?“ Joseph Kardinal Ratzinger im Gespräch mit Peter Seewald (Gott und die Welt, München 2000)
Kann ich vollkommen unterschreiben. Nicht nur, weil das der jetzige Papst gesagt hat (und ich als Katholik ihm wohl schon Gehorsam schuldig bin), nicht nur, weil ich B16 aka Ratzinger als extrem intelligenten Menschen schätze, sondern, weil das auch meine Meinung ist. Es dürfte nicht schlecht sein, wenn die tridentinische Messe wieder vollkommen zugelassen wird.
AAABER...
Mich persönlich stört der - verzeihung - selbstgerechte Mief, der damit oft einhergeht. Es ist nunmal so, daß ich nicht nur mit dem Neuen Ritus - in deutscher Sprache, mit Handkommunion und versus populum gefeiert - aufgewachsen bin, ich habe ua durch den Neuen Ritus zum Glauben gefunden. Und nicht nur ich, viele Leute, die ich persönlich oder über das Internet kennenlernte, haben durch den Neuen Ritus zum Glauben gefunden. Durch den gültig gefeierten Neuen Ritus. Ich bitte darum, das bei allen Haßtiraden auf die "Häresie der Formlosigkeit" etc. pp. mal bitte zu beachten. Denn diese Art der Diskussion, die auch auf gewissen Blogs läuft, führt mich mehr vom Glauben weg, als es mich hinbringt. Weshalb übrigens ein Priester des Opus Dei mir die Diskussionen auf kath.net "verboten" hat (ok, er meinte eher zu mir: Komm schon, dit is doch sinnlos). Es entsteht durch gewisse Wortwahlen der Eindruck, daß Menschen wie ich, die, meinetwegen aus schnöder Gewohnheit, mit dem Neuen Ritus mehr anfangen können als mit dem Alten, irgendwie Katholiken zweiter Klasse sind, und für mich persönlich stellt sich dann in solchen Momenten auch die Frage, inwieweit die Kirche vom Heiligen Geist geführt ist, wenn der Neue Ritus ja ein Irrtum sein soll.
Eine ähnliche Sache, die mir Bauchschmerzen bereitet, ist die nun auch nicht mehr ganz aktuelle Diskussion um "für viele" und "für alle". Ich kann dem Interessierten Leser wärmstens ans Herz legen, Seiten 33-36 aus dem Buch "Gott ist uns nah" von Benedikt XVI. zu lesen. Es würde jetzt zu weit führen, alles davon abzutippen, aber summa summarum weist er recht gut nach, daß die Übersetzung "für alle" durchaus Daseinsberechtigung, ich zititere:
"Was ist also von der Neuen Übersetzung zu halten? Schrift und Überlieferung kennen sowohl die Formel "für alle" wie die Formel "für Viele". Beide sagen je einen Aspekt der Sache aus, einerseits den umfassenden Heilscharakter von Christi Tod, der für alle Menschen gelitten wurde, auf der anderen Seite die Freiheit der Verweigerung als Grenze des Heilsgeschehen. Keine der beiden Formeln kann das Ganze sagen; jede bedarf der Auslegung und der Rückbeziehung aufs Ganze der Botschaft. Ich lasse die Frage offen, ob es sinnvoll war, hier die Übersetzung "für alle" zu wählen und damit Übersetzung und Auslegung zu vermengen, wo doch die Auslegung in jedem Fall unerläßlich bleibt. Eine Verfälschung der Sache ist nicht gegeben, denn ob die eine oder andere Formel steht, in jedem Fall müssen wir das Ganze der Botschaft hören: daß der Herr wahrhaft alle liebt und für alle gestorben ist. Und das andere: daß er uns ja sagen läßt in sein großes Erbarmen hinein."
Ich muß sagen, mit diesem Hintergrund und einem Satz aus der Geist der Liturgie (wenn er auch auf die Frage eingeht, ob man die Volksaltäre wieder aus den Kirchen werfen soll) - "Nichts ist für die Liturgie schädlicher als das ständige Machen" - daß ich es, muß ich gestehen, auch wenn es sicherliche viele Leser großartig finden, nicht verstehe, wieso man die Formel "für alle" streichen mußte. Das Argument, daß damit die Allerlösung betont würde, halte ich mit Benedikt für an den Haaren herbeigezogen, mit demselben Recht könnte man den, die "für viele" sagen, unterstellen, daß sie meinen, Christus wäre nur für die Guten gestorben.
Es ist interessant zu bemerken, daß Benedikt im Geist der Liturgie bezüglich einer Rückbesinnung (eben dem rauswerfen der Volksaltäre) obig zitierten Satz bringt. Denn das scheinen auch manche zu vergessen: da der Neue Ritus inzwischen auch immerhin über dreißig Jahre alt ist, gibt es inzwischen eine Generation, die damit aufgewachsen ist, und die jegliche Liturgieänderung ähnlich schmerzlich empfinden könnte wie sie es für die Menschen 1970 sicherlich war.
Summa summarum: Seid meinetwegen pro missa tridentina, preist seine Schönheit, das ist alles ganz ok. Aber wenn ihr es auf Kosten den Neuen Ritus macht, denk bitte daran, daß dadurch sich manche, und eben nicht nur Klampfencharismatiker, sondern auch Freunde der Legionäre Christi und des Opus Dei, mehr als nur auf den Schlips getreten fühlen können.
Freitag, Januar 19, 2007
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4 Kommentare:
Bin ganz Deiner Meinung, FingO. Ich selbst habe zwar ein näheres Verhältnis zum alten Ritus als Du, aber auch mir geht der Traditionalismus als geistige Einstellung (nicht als Liebe zur Alten Messe!) auf die Nerven.
Es ist nämlich oftmals m. E. eine Sünde gegen Glaube, Hoffnung und Liebe, die da begangen wird. Sog. Novus-Ordo-Christen (etwa in der Legion Mariens, bei Communione e Liberazione, bei der Gemeinschaft vom Lamm usw.) habe ich immer als viel offener, viel freudiger, viel positiver erlebt als Traditionalisten, die nur jammern können, wie furchtbar alles ist.
Die Heiligen haben die Kirche schließlich auch nicht durch Jammern erneuert, sondern durch Vertrauen auf den Heiligen Geist. Und die Welt wird durch Glaube, Hoffnung und Liebe bekehrt - und durch die Freude, die damit einhergeht -, nicht durch mangelndes Vertrauen in Gott, Hoffnungslosigkeit, Hochmut und Lieblosigkeit, wie es oftmals in eng traditionalistischen Kreisen zu finden ist...
Ich kann mich petra vollund ganz anschließen, nicht zuletzt deshalb, weil wir uns ja gestern "zufällig" im anschluß an ein (lat.)Hochamt -allerdings im "Novus Ordo"- getroffen und danach ähnliches diskutiert haben....
Sosehr Liturgie meine persönliche Leidenschaft ist, werde ich persönlich der gesamten Diskussion zunehmend überdrüssig....
Tatsache ist: letztlich geht es um den einen Herrrn Jesus, die eine Eucharistie und die eine Kirche und weder um liturg. Sprache(n), Formen und Vorschriften.
Wenn da das eigentliche Wesen und Ziel der Liturgie aus dem Blickwinkel gerät, und man sich auf
klein- oder schöngeistige Diskussion über Details verliert,
dann läuft sich die Diskussion mehr früher als später tot und die vielzitierte "Reform der Reform"- die an sich keine falsche Parole ist- erstickt im Keim.
Drum hat auch der von dir zitierte Opus Dei Priester genau ins Schwarze getroffen...
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Zur Diskussion um das »für viele« / »für alle« darf man vielleicht daran erinnern, dass der letzte der fünf Sätze aus Jansenius »Augustinus«, die der Heilige Stuhl 1653 mit der Bulle »Cum occasione« ein für allemal als häretisch zurückgewiesen hat, folgendermaßen lautet:
»Semipelagianum est dicere Christum pro omnibus omnino hominibus mortuum esse aut sanguinem fudisse.«
Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass der Satz nur verurteilt ist, »if understood in the sense that Christ died only for the predestined«, wie der Artikel »Jansenius and Jansenism« in der alten CE (http://www.newadvent.org/cathen/08285a.htm) richtig bemerkt.
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